Annexion Südtirols

Die Napoleonische Grenze
«Schema del confine settentrionale del Dipartimento dell'Alto Adige». Disegno a china e matita in allegato alla lettera del prof. Andrea Galante (Università di Innsbruck) al Ministro degli Esteri Sonnino S. Margherita Ligure, 15 marzo 1915, conservata presso l’ARCHIVIO STORICO DIPLOMATICO DEL MINISTERO DEGLI AFFARI ESTERI E DELLA COOPERAZIONE INTERNAZIONALE, Archivio Sidney Sonnino b. 2, fasc. 9.

Die Annexion Südtirols durch Italien. Die nördliche Grenze Italiens: Eine zu bestimmende Linie

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren die geopolitischen Züge des jungen Einheitsstaats Italiens im Norden und im Nordosten kaum definiert. Jahrzehntelang war es auch der Regierung nicht klar, wo die nördliche Grenze verlaufen sollte. Im Frühling 1915 begann Italien aber seinen Anspruch auf die Brenner-Grenze deutlich zu erheben.

Italien war Österreich und Preußen seit 1882 im Dreibund verpflichtet und solange es in diesem Einflußbereich blieb, stellte es nur zaghafte territoriale Forderungen. Während der verschiedenen Verhandlungen von 1882 bis zum Anfang des Ersten Weltkriegs wurde der Anspruch auf nicht näher bezeichnete italienische Gebiete trotz einiger preußischer Vermittlungsbemühungen von Österreich ignoriert. 

In den Verhandlungen vor dem Krieg wurden die Grenzen der umstrittenen Gebiete ohne genaue Angabe genannt, aber in den Monaten nach dem Attentat in Sarajevo (28. Juni 1914) wurde die geforderte Vergütung für einen italienischen Einsatz neben den Bündnispartnern immer konkreter.

Um sich solide historisch-juristische Grundsätze für die italienischen Ansprüche zu beschaffen, ließ der Außenminister Sidney Sonnino die Unterlagen der Grenze suchen, die ein Jahrhundert davor von Napoleon Bonaparte entschieden wurde. Andrea Galante, Dozent an der italienischen Juristischen Fakultät in Innsbruck, fand in einem Mailänder Archiv das Schema der nördlichen Grenze des "Departments des Überetsch" (1810) und schickte es Sonnino am 15. März 1915. Nach wenigen Wochen, am 8. April 1915, erarbeitete der italienische Außenminister einen Vorschlag, in dem er die Übergabe der in der napoleonischen Grenze eingeschlossenen Gebiete von Österreich forderte. In seinem Memorandum hieß es dazu:

"Die neue Grenze weicht von der gegenwärtigen bei der Zufallspitze (Monte Cevedale) ab; sie folgt eine Zeit lang den Gebirgsausläufern zwischen dem Vinschgau und dem Nocetal (Val del Noce); dannsinkt sie bei Gargazon zwischen Meran und Bozen hinab zur Etsch, am linken Ufer erreicht sie das Hochland, verläuft in der Mitte des Sarntals weiter, durchschneidet das Eisacktal bei Klausen, führt im Bereich der Dolomiten am rechten Ufer des Avisio entlang, das Gader und Grödnertales ausgenommen, bezieht das Haydental mit ein und deckt sich [ab hier] schließlich wieder mit der aktuellen Grenze."

Österreich – inmitten der Kriegshandlungen – sprach sich diesmal dafür aus, eine territoriale Freigabe zu gewähren, aber es erkannte die napoleonische Grenze nicht als gültigen historisch-juristischen Präzedenzfall an. Wien bot als Gegenvorschlag das Trentino bis zur sprachlichen Grenze bei Salurn an. Das Angebot wurde als nicht befriedigend betrachtet, weil Italien nach einer strategisch und militärisch stabileren Grenze strebte, die viel sicherer als die bei Salurn war.

Zu diesem Zeitpunkt wandten sich die italienischen Diplomaten endgültig an die Mächte der Entente (Großbritannien, Frankreich und Russland), mit denen sie seit mehreren Monaten in Verhandlung standen. Die von ihnen versprochene Entschädigung war zweifelsohne großzügig, da sie die Übergabe vom Trentino und von der napoleonischen Grenze zusammen mit einem Gebiet vorsah, das bis dahin von Italien noch nicht beansprucht worden war, d. h. das ganze Gebiet bis zum Brennerpass. 

Die geheimen Verhandlungen des Londoner Vertrages (26. April 1915) bedeuteten den Bruch des Dreibundes und bestimmten das Ausmaß der Entschädigungen für den italienischen Kriegseinsatz an der Seite der Entente. In Italien begann man nun auch öffentlich zu fordern, die nördliche Grenze weit jenseits der Sprachgrenze bei Salurn zu verankern. Auch die napoleonische Variante von 1810 wurde als nicht ausreichend betrachtet.

Die Tageszeitung "L'idea nazionale" hatte schon vor dem diplomatischen Bruch mit Österreich einen Vergleich der "Profile der natürlichen Grenze Italiens und der italienisch-österreichischen Grenze" veröffentlicht. Dieser sollte beweisen, dass die von hohen Gipfeln an den beiden Seiten des Brennerpasses gezogene orographische Linie Italien eine sichere Begrenzung bot, als hätte die Natur dem italienischen Staat jene Kette als eine natürliche Befestigung geschenkt.

Die Idee der Brennergrenze als nördlichste Staatsgrenze Italiens war nicht neu: sie kursierte in ausgewählten Schriften nationalistisch gesinnter Zeitgenossen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jetzt allerdings entwickelten sich der öffentliche Diskurs und die politische Entscheidungsebene in Italien stark aufeinander zu. Die Brennergrenze sollte bald politische Realität werden. 

Bild: Die napoleonische Grenze

«Schema del confine settentrionale del Dipartimento dell'Alto Adige». Disegno a china e matita in allegato alla lettera del prof. Andrea Galante (Università di Innsbruck) al Ministro degli Esteri Sonnino
S. Margherita Ligure, 15 marzo 1915, conservata presso l’ARCHIVIO STORICO DIPLOMATICO DEL MINISTERO DEGLI AFFARI ESTERI E DELLA COOPERAZIONE INTERNAZIONALE, Archivio Sidney Sonnino b. 2, fasc. 9

Literaturhinweise:

Thomas Albrich / Klaus Eisterer / Rolf Steininger (a cura di), Tirol und der Anschluss: Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmenbedingungen 1918-1938, Innsbruck 1988 (Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte 3)

Casimira Grandi (a cura di), Tirolo - Alto Adige - Trentino 1918-1920: Atti del convegno di studio Tirolo - Alto Adige - Trentino 1918-1920, Innsbruck, 6-8 ottobre 1988, Trento 1996 (Collana di monografie edita dalla Società di Studi Trentini di Scienze Storiche 53)

Giuseppe, Mammarella / Paolo Cacace, La politica estera dell'Italia dallo stato unitario ai giorni nostri,Roma-Bari, Laterza, 2006.

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Magda Martini

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

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