Annexion Südtirols

Problemi dell'Alto Adige

Die Annexion Südtirols durch Italien. Franco Ciarlantini und seine Tipps für eine friedliche und ruhige "Italienische Durchdringung"

Der Beitrag zur Historegio-Quelle-des-Monats November stellt das Buch "Problemi dell'Alto Adige" vor, das bei dem florentinischen Verlag Vallecchi 1919 erschien. Es handelt sich um einen Ratgeber, mit dem Franco Ciarlantini dem Leser und der Leserin ein praktisches Mittel "für eine friedliche und ruhige italienische Durchdringung" in Südtirol zur Hand geben wollte.

Das Büchlein enthält mehrere Ansatzpunkte, die dabei helfen könnten, Themen und Einstellungen, die in der Diskussion über Südtirol 1919 in Italien vorherrschten, zu ermitteln, da es für die damalige Publizistik weit verbreitete Geisteshaltungen beinhaltet. Dabei ist es wichtig, den Autor politisch einzuordnen. Der aus der Region Marche stammende ehemalige Grundschullehrer Franco Ciarlantini (1885-1940) ist Sozialist und er wird von der Polizei als Umstürzler eingebuchtet. 1915 stellt er sich auf die Seite der Interventionisten, verlässt die Sozialistische Partei, die gegen den Krieg ist und nimmt selbst an dem Konflikt teil. Nach dem Waffenstillstand im November 1918 lässt er sich in Bozen nieder, von wo aus er an die Integration der neuen Region in Italien mitmachen will. In diesen Monaten fängt er an, sich an die entstehende faschistische Bewegung anzunähern, wie es seine intensive Mitarbeit mit der mussolinischen Tageszeitung Il Popolo d'Italia beweist.

Und doch drückt gerade Problemi dell'Alto Adige, deren Erarbeitung in diesen Monaten erfolgt ist, eine Haltung der neuen Region und ihren Einwohnern gegenüber aus, die nicht als Vorbereitung der Politik des Faschismus gesehen werden kann. 

Schon auf den ersten Seiten klärt Ciarlantini seine patriotische Haltung, da er schon immer "den Tedeschismo als eine gewalttätige Unterdrückung der lateinischen Genialität und Freiheit" hasste. An eine derartige Erklärung schließt sich nicht gleich, wie man vielleicht annehmen könnte, eine Diskriminierung der deutschsprachigen Südtiroler an. Vielmehr nützt Ciarlantini diese Aussage als eine Entschuldigung für seine später näher ausgeführte Haltung, die sonst als zu gütig interpretiert werden könnte. Das Buch will tatsächlich die Vermittlung fördern mit denjenigen, die wenige Monate davor in den gegnerischen Schützengräbern gekämpft haben. Nach Ciarlantini seien die deutschen Südtirolern keine Feinde mehr, sondern "Untertanen deutscher Rasse unserer Regierung und deswegen ist es richtig mit ihnen gütig zu sein".  Er ist überzeugt, dass die Italiener ihre Seelen von "nationalistischen Vorurteilen" befreien und die Vorzüge der deutschen Südtiroler erkennen sollen. Die Frauen verdienen sich dabei die besondere Bewunderung Ciarlantinis, weil sie mit den italienischen Soldaten Liebesbeziehungen aufnehmen. Und der Autor misst den Südtirolerinnen eine wichtige Rolle bei: "Die höhere Bedenkenlosigkeit des südtirolerischen weiblichen Bevölkerungsteils wird für die friedliche und ruhige italienische Durchdringung bestimmt förderlich sein."

Ciarlantinis widmet sich in seiner Polemik ganz und gar den Italienern. Im zweiten Kapitel unter dem ausdrucksvollen Titel Sgoverno burocratico (Bürokratrische Unregierung) gibt er zu, dass die ernsthaften Mängel der italienischen Verwaltung, von der römischen "Baraonda governativa" (Regierungschaos) ausgehend, nicht beitragen können, die Sympathie und das Vertrauen der neuen Bevölkerung zu gewinnen. Rom müsse sich deswegen beeilen, in den damaligen k. u. k. Gebieten vernünftige Lösungen zu finden.

In seinem Buch widmet Ciarlantini dem Schulsystem, der Presse, den politischen Rahmenbedingungen, der Rolle der Kirche und dem Protestantismus umfangreiche Überlegungen und er befasst sich mit dem wirtschaftlichen Potential der Region, das die Italiener dazu ermutigen solle, enge Beziehungen mit Südtirol aufzubauen.

Man hat aber den Eindruck, dass das Hauptziel von Problemi dell'Alto Adige ist, den Italienern eine Art Knigge mit praktischen Tipps für das gute Benehmen in Südtirol zu liefern. Für Ciarlantini ist es ein dringendes Anliegen, die in der Region reisenden Italiener auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, nicht schlecht dazustehen. Ciarlantini möchte, dass "jeder in Südtirol reisende Italiener sich der Notwendigkeit bewusst wird, mit seinen Reden und mit seinen Handlungen einen nachhaltigen Eindruck von Vornehmheit zu hinterlassen.“ 

Ciarlantini stimmt mit der Überzeugung von General Guglielmo Pecori Giraldi, der die Venezia Tridentina bis Mitte 1919 verwaltet, voll und ganz überein, dass "eine italienische Durchdringung" in Südtirol stattfinden muss und dass sie langsam und friedlich sein wird. 

Weiterführende Literatur: 

Über das Leben von Franco Ciarlantini siehe dazu online das "Dizionario biografico Treccani":http://www.treccani.it/enciclopedia/francesco-ciarlantini_%28Dizionario-Biografico%29/

Franco Ciarlantini, Problemi dell'Alto Adige, Firenze, Vallecchi, 1919.

Andrea Di Michele, Die unvollkommene Italianisierung: Politik und Verwaltung in Südtirol 1918-1943, Innsbruck 2008)

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Magda Martini 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

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