Verstehen

Guelfo Civinini, Parentesi comica nel grande dramma, "Corriere della sera", 10 novembre 1918.

Die Annexion Südtirols durch Italien. Der Rückzug der österreichisch-ungarischen Armee aus Bozen in der Darstellung des "Corriere della sera" (November 1918)

Die HISTOREGIO-Quelle des Monats Mai ist ein Stimmungsbericht der ersten Nachkriegstage von November 1918. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Südtirol als neues italienisches Territorium der italienischen Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Der lange Artikel Parentesi comica nel grande dramma beschreibt hauptsächlich den Rückzug der österreichischen Armee, aber er beinhaltet auch einige kurze lebensweltliche Portraits aus Südtirol. Der Text gibt somit einen Einblick in das kurz zuvor von italienischen Truppen besetzte Land. Der am 10. November 1918 veröffentlichte Artikel stammt aus einer kleinen Textreihe, die der Dichter und Journalist Guelfo Civinini (1873–1954) als Südtirol-Korrespondent für die Zeitung "Corriere della sera" zwischen Anfang September und Ende November 1918 schrieb.

Der Waffenstillstand von Villa Giusti, der zwischen italienischen und österreichischen Bevollmächtigten bei Padua am 3. November 1918 unterzeichnet wurde, sah es vor, dass die italienische Armee auch weiter nördlich stationiert werden sollte als während des vorigen Kriegsverlaufs. Der Anschluss von Südtirol war aber noch nicht durchgeführt worden, da der Waffenstillstand die neuen Gebiete für Italien nur in Erwartung der neuen geopolitischen Ordnung vorsah, die später in Paris geregelt und verankert wurde.

Der lange Artikel beschreibt die allererste Phase der italienischen Besetzung und den Rückzug der österreichisch-ungarischen Armee aus Südtirol, ohne das Thema des Anschlusses an Italien in Frage zu stellen. Die Haltung, die in dem Artikel ausgedruckt wird, ist interessant und beispielhaft für die italienische Öffentlichkeit, da auch damals der "Corriere della sera" eine der meistverkauften italienischen Tageszeitungen war. 

Eine patriotische Rhetorik bildet den Hintergrund des ganzen Textes, der als eine Art Melodrama  beginnt, um  die “Erlösung” des Trentino zu feiern. Civinini geht auf den auffälligen Unterschied zwischen den verwüsteten italienischen Ländern, die Kriegsschauplätze gewesen waren, und Bozen ein, das überraschenderweise unversehrt blieb und "auch inmitten des Krieges sein ruhiges Leben kleiner täglicher Ereignisse [weiter]lebte". Civinini berichtet in einem vorwurfsvollen Ton über die dortigen Zustände: In Bozen waren "alle Cafés und alle Hotels […] offen; es gab auch das Theater. Die Offiziere hatten ihre wienerischen und bayerischen Geliebten, die Beamten ihre Familien.Surrogate ersetzten das Gute anderer Zeiten; die elektrischen Straßenbahnen funktionierten, das elektrische Licht wurde verschwendet und alles entwickelte sich zum Besten in der schlimmsten der möglichen Welten". Der Autor verliert sich nicht in Hassreden gegen Österreich-Ungarn oder gegen die deutsche Kulturwelt, aber man erkennt im ganzen Artikel eine tiefe Verachtung allem was “deutsch” ist gegenüber. Insbesondere gilt dies gegenüber der sich zurückziehenden österreichischen Armee, die, nach Civininis Darstellung, eine groteske Flucht unternahm. Aber auch jene Soldaten, die Gefangene werden wollten, um in Italien bleiben zu können, straft Civinini in seinem Artikel ab. 

Civinini richtet seinen überheblichen und respektlosen Blick auf einige Szenen des Alltagslebens, in denen die Südtiroler als harmlose aber prinzipienlose Kleinbürger beschrieben werden. In Bozen scheint alles "ordnungsvoll, typisch von einer kleinen, leidenschaftslosen Welt, die nur Gewohnheiten hat" geprägt zu sein. Beamte und Offiziere gehen "mit ihren kleinen Familien der reinsten 'Simplicissimus' Art, die sich man vorstellen kann, spazieren.” 

Civinini erzählt von der Verwunderung, die man erlebt, wenn man mit dem Zug von Süden aus Salurn erreicht. So beschreibt er den Übergang vom italienischen Trentino zum deutschen Südtirol: "Die Leute, die uns anschauen, haben Gesichter, die nicht unsere sind. Man hat den Eindruck, man ist eingeschlafen und man wacht in der tiefsten Deutscherei (Tedescheria) auf."  Auch die deutsche Sprache stört den Autor; er weist darauf hin, dass ab Neumarkt "die Geschäftsschilder, die Straßennamen, die Schriften auf den Mauern mit Wörtern und Namen sprechen, die sich wie Gebrumm anhören."

Über die Herkunft der Südtiroler hat Civinini eine genaue Einstellung: Er schreibt, dass diese Leute keine Fremden sind, weil sie nichts anderes als "eingedeutschte" Italiener seien. Die historischen Ereignisse, die Herrschaftswechsel und die steten Zuwanderungen haben dieses Land mit einer bis zu vier Fünftel eingedeutschten Bevölkerung gefüllt.  Dieses “Invasions- und Verderbungswerk" sei ergänzt worden mit einem "Zustrom an Ausländern, alle – freilich – Deutsche aus Österreich und Bayern, die das ganze Jahr ihre Städte, ihre Thermalbäder, und ihre Kurorte auffüllten."

Im Grunde, das gab Civinini zu, waren diese Bozner nicht bösartig: Sie zeigten, dass sie sogar die Ankunft der italienischen Soldaten schätzten: die Mädchen hörten die italienischen Sprache fasziniert zu und die Familien schauten die vorbeikommenden Soldaten an und sagten: "Gute Leute, schöne Soldaten. Siehst du, mein Sohn? Das ist die Ordnung, die vorbeikommt: Italien kommt aufräumen".  

Das Portrait von Südtirol, das der “Corriere della sera” unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom 3. November 1918  einer breiten Öffentlichkeit in Italien zugänglich machte, mutet in seiner klischeehaften und widersprüchlichen Darstellung paradox an. Um aber die darauffolgenden historischen Ereignisse besser verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass sich die „ Kenntnis“ von Südtirol in Italien um 1918 aus solchen klischeehaften Bildern speiste. Sie waren ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Diskurses über das Land südlich des Brenners und hatten deshalb enorme Wirkmacht. 

Weiterführende Literatur: 

Über das Leben von Guelfo Civinini siehe: http://www.treccani.it/enciclopedia/guelfo-civinini_(Dizionario-Biografico).

Über die Geschichte der Zeitung siehe: Licata, Glauco, Storia del Corriere della sera, prefazione di Giuseppe Are, Milano, Rizzoli, 1976.

Über den Waffenstilltstand vom 3. November 1918 siehe: Lenci, Giuliano, Le giornate di Villa Giusti: storia di un armistizio, presentazione di Mario Isnenghi, Padova, Il poligrafo, 2008.

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Magda Martini 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

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