Verstehen

"Avanti!", 12. Januar 1919

Giuseppe Scalarinis Karikaturen in der Zeitung "Avanti!" und die Haltung der Sozialisten.

Es werden hier als Februar-Quelle die Karikaturen von Giuseppe Scalarini in der sozialistischen Tageszeitung „Avanti!“ vorgestellt, welche die Haltung der italienischen Sozialisten in der Südtiroler Frage wiedergeben.

Giuseppe Scalarini (1873-1948), aus Mantua stammend, war einer der ersten Autoren der politischen satirischen Karikatur in Italien. Er begann seine Tätigkeit bei der Tageszeitung "Avanti!" im Jahr 1911. Schon vor der italienischen Intervention im Ersten Weltkrieg hat er mit seinen Zeichnungen fast täglich dazu beigetragen, einer breiteren Öffentlichkeit die Meinungen der Sozialisten über den Krieg und über die diplomatischen Initiativen für den Frieden zu vermitteln. In seinen sozialkritischen Karikaturen wird die Bourgeoisie mit reichen, eleganten und übergewichtigen Männern dargestellt. Die Proletarier (Arbeiter, Bauern und Arme) hingegen sehen, auch in den misslichsten Lagen, wie kluge und würdevolle Menschen aus.

Obwohl sie belehrend und wiederholend wirken, behandeln Scalarinis Karikaturen mehrere Themen unter verschiedenen Gesichtspunkten. Was die italienische Forderung nach Südtirol betrifft, erkennt man in den Zeichnungen deutlich eine sozialistische Grundhaltung: Italien brauche keine Gebietserweiterung und sollte sich hingegen besser darum kümmern, Armut- und Ungleichheitsprobleme innerhalb des bestehenden Reiches zu lösen. 

Die hier abgebildete Karikatur Scalarinis vom 12. Januar 1919 erläutert, dass die wahre, "natürliche Grenze" Italiens nichts mit seiner Geografie oder Nationalität zu tun habe. Die wahre Grenze verlaufe hingegen zwischen dem Reich des Überflusses, in dem die Kapitalisten dem Luxus frönen, und dem Reich der Not, in dem die Armen jeden Tag zu verhungern drohen. Am Beginn des Jahres 1919, in den Tagen vor dem Beginn der Pariser Friedenskonferenz, widmet sich auch die "Avanti!" jenen Fragen, die nach Bissolatis Rede in der Scala in der Presse erörtert wurden (vergleiche dazu die Quelle des Monats Februar 2019 „Eine satirische Postkarte über den Rücktritt Bissolatis“): Welche Gebiete und Grenzpunkte muss Italien fordern, die in das Königreich integriert werden sollen? "Den Brenner? Fiume? Sebenico? Zara? Spalato?" Scalarini entgegnet, dass man nicht über diese Frage nachdenken solle: Die Sozialisten seien davon überzeugt, dass die einzige Grenze, über die man diskutieren müsse, jene zwischen Reichen und Armen ist.

Diese ausdrücklich antiimperialistische und antinationalistische Haltung diente in der Tat nicht der Südtiroler Frage, denn sie führte zu einer Verweigerung, an der Diskussion teilzunehmen und vor allem zu einer fehlenden Unterstützung für Bissolati, dem einzigen italienischen Regierungsvertreter, der sich dazu bereit erklärte, auf den Brenner zu verzichten. Wahrscheinlich konnte die "Avanti!" aus politischer Rivalität den ehemaligen Sozialisten Bissolati nicht unterstützen und hat ihn sogar lieber kritisiert, obwohl sie im Grunde dieselbe Meinung vertrat. 

Die Sozialisten sollten sich mit der Südtiroler Frage erst im August 1920 während der Diskussion über den Friedensvertrag von Saint Germain im Parlament beschäftigen. Aber ihre Reden, die auf die Rechte der deutschen Minderheit aufmerksam machten, kamen schließlich erst zu einer Zeit, in der der Vertrag schon längst unterschrieben war und nun nur mehr reinen rhetorischen Charakter tragen konnten.

Weiterführende Literatur: 

Zur Biographie Giuseppe Scalarinis vgl. online: http://www.treccani.it/enciclopedia/giuseppe-scalarini_(Dizionario-Biografico)/

Über die Haltung der Sozialisten über die Südtiroler Frage siehe:  La questione dell'Alto Adige
Discorso tenuto nella tornata del 9 agosto 1920, in Discorsi parlamentari di Filippo Turati, Roma, Tipografia della Camera dei Deputati, 1950, volume terzo, p. 1780-1784.

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Magda Martini

Historegio-Projekt: "Italien, Südtirol und der Pariser Frieden 1919: politische Haltungen, diplomatische Strategien und öffentlicher Diskurs". 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

Kontakt: magda.martini@unibz.it

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