Verstehen

Die Obstlager.
F. Mauro, L'industria della frutta nell'Alto Adige, Pavia, Premiata Tipografia Successori Fratelli Fusi, 1919, S.161

Italien entdeckt die "wunderbaren Apfelgärten" des Etschtales

Der 1919 veröffentlichte Aufsatz "L'industria della frutta nell'Alto Adige" ist ein Beispiel dafür, dass die Begegnung zwischen Italienern und Südtirol vor allem in der ersten Phase nach dem Kriegsende Raum für Entdeckungslust und konstruktive Auseinandersetzung gelassen hat. Der Autor Francesco Mauro war ein 1887 in Domodossola geborener Unidozent mit einem Abschluss in Ingenieurwissenschaften. Mauro sollte ein paar Jahre später Abgeordneter im italienischen Parlament werden.

In dem Artikel, den Mauro als "Reiseschrift" bezeichnet, geht es um den in der Meraner Gegend praktizierten Apfelanbau. Der Text ist reich bebildert. Die Südtiroler Landwirtschaft wird in himmlischen und märchenhaften Metaphern beschrieben. Die "wunderbaren Apfelgärten" des Etschtales werden als dem Dornröschen würdig beschrieben. 

Mauro beschreibt sich selbst als Patriot und er beginnt seine Schrift damit, indem er erzählt, dass er in den Tagen zuvor die Ehre hatte, den Gruß der italienischen Alpinisten auf den Klockerkarkopf („Vetta d'Italia") zu bringen. 

Obwohl er die Annexion Südtirols durch Italien im Text nicht in Frage stellt, verschweigt er seine Sorge um die Folgen nicht, welche er für die Meraner Landwirtschaft befürchtet. In seinen Worten ergibt sich die Sorge, dass der italienische Staat nicht in der Lage sein könnte, diese praktisch perfekte Obstindustrie richtig zu unterstützen. Gerade um die Experten aufzufordern, sich für diesen Umstand zu interessieren, beschreibt Mauro bis in das letzte Detail jedes Stadium der Obstbearbeitung. In der Tat seien in Italien die großen quantitativen und auch qualitativen Erfolge des Südtiroler Obstbaus bekannt, aber man kenne die hiesige Erntemethode nicht so gut, "das Sortieren, die Aufbewahrung, die Verpackung und den Versand, die der Grund für den auf breiter Ebene erzielten Erfolg eines modernen und industriell praktizierenden Obstbaus seien".

Mauro bewundert die Sorgfältigkeit des Sortierens und die Genauigkeit, mit der eine gute Licht- und Luftexposition gesucht wird, und den Kampf gegen Krankheiten und Insekten. Der italienische Beobachter könne nur die Beharrlichkeit und die Energie loben, mit denen man Tabakextrakt, Arsen, Kupfer, Kalk und Kupfersulfat ausbringt. Methoden und Verfahren, erzählt er, werden mit Leidenschaft und Genauigkeit debattiert, sodass jemand die Landwirte einer "alemannischen Pedanterie" beschuldigen könnte. 

Von einheimischen Experten wie dem Handelssekretär Dr. Schenk, dem Malser Benediktiner Pater Anselm und der Baronin De Strobel unterrichtet, ist Mauro von der Arbeitsweise des Südtiroler Obstbaus und von seinen großen Gewinnen gänzlich verzaubert. Der einzige Punkt, wo Italien die Produktionskette optimieren könnte, ist seiner Meinung nach der Transport: Man könne die Kühlwägen der italienischen Staatsbahn für die Versendung nach Norddeutschland, nach Russland und nach Skandinavien verwenden. 

Das Ziel des hier vorgestellten Aufsatzes ist es, in erster Linie die italienische Landwirtschaft davon zu überzeugen, sich den Südtiroler Obstbau als Vorbild zu nehmen, um damit die „Invasion” der Jamaikanischen Bananen nicht mehr länger ertragen zu müssen. Als zweites will Mauro den italienischen Staat dazu auffordern, der Meraner Landwirtschaft zu erlauben, ihre Produkte als Luxuswaren in die nördlichen Länder weiter zu exportieren, um die Einnahme von wertvollen Auslandswährungen aufrechtzuerhalten.

Nach Mauro müsse das gesamte Produktionssystem geschützt werden, was auch die kulturelle Haltung der Landwirte einschließt. Er erläutert, dass unter ihnen nicht nur Bauern sind, sondern auch Landbesitzer, die zu den höchsten und meistgebildeten Schichten der Bevölkerung gehören, die aus Leidenschaft und Familientradition den Obstbau betreiben.

Letztendlich zögert Mauro nicht davor, explizit zu warnen, dass den "wunderbaren Apfelgärten" des Etschtales durch „die Annexion an das Heimatland keine Schäden“ entstehen dürfen.

Weiterführende Literatur: 

F. Mauro, L' industria della frutta nell'Alto Adige, Pavia, Premiata Tipografia Successori Fratelli Fusi, 1919 (Estr. da: Rivista di scienze naturali "Natura", vol. 10, ottobre-dicembre. S. 149–167)

Zur Landwirtschaftgeschichte in Südtirol: A. Leonardi, L'economia di una regione alpina: le trasformazioni economiche degli ultimi due secoli nell'area trentino-tirolese, Trento, Itas 1996; A. Leonardi, 1809 - 2009 : Südtiroler Landwirtschaft zwischen Tradition und Innovation, Bozen, Südtiroler Bauernbund, 2009.

Zur italienischen Agrargeschichte: A. Saltini, Il sapere agronomico. L'agricoltura italiana tra Ottocento e Novecento. Dal divorzio all'aggiornamento ai moduli europei, in Storia dell'agricoltura italiana. L'Età contemporanea, herausgegeben von Reginaldo Cianferoni, Zeffiro Ciuffoletti, Leonardo Rombai, Firenze, Edizioni Polistampa, 2002, S. 333–361.

Magda Martini 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

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