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Die Etschwerke in Töll
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Elektrizitätswerke in Tirol und Vorarlberg

„Wenn einmal in späteren Jahrhunderten eine Geschichte des Einflusses verschiedener Agentien auf die culturelle Entwicklung der Menschheit geschrieben wird, so wird neben dem Pulver und Dampf auch die Elektricität genannt werden müssen“. So lautet das Incipit der HISTOREGIO Quelle des Monats Juli, einem Vortrag über die Verbreitung elektrischer Energie in Tirol und in Vorarlberg, der 1898 am naturwissenschaftlichen-medizinischen Verein in Innsbruck gehalten wurde.

Der Referent war Ignaz Klemenčič, ein slowenischer Physiker, der nach dem Studium und der Lehrtätigkeit in Graz 1895 an die Universität Innsbruck gelangte, wo er 1898 die Professur für Experimentalphysik erhielt. Sein Bericht beginnt mit einer Einführung in die Elektrotechnik, einer Beschreibung der Maschinen, die zur Umwandlung mechanischer Arbeit in Elektrizität benötigt werden und einem Umriss der Entwicklung des Wechselstroms. Klemenčič führt dann die wichtigsten Verwendungszwecke der Elektrizität im Jahr 1898 an, angefangen bei der Beleuchtung großer Räume mit Bogenlichtern und der Innenbeleuchtung mit Glühlampen. Eine weitere wichtige Anwendung war der Antrieb von Motoren für Maschinen wie Drehbänke, Sägen und Pumpen, die die bis dahin verwendeten Dampf-, Gas- und Benzinmotoren ersetzen konnten. Auch elektrische Eisenbahnen sowie chemische Prozesse, bei denen elektrischer Strom für die Herstellung von Elementen wie Aluminium, Kalzium, Karbid und Soda verwendet wurde, durften nicht übersehen werden.

Im Sommer 1898, 14 Jahre nach der Einweihung der ersten Anlage dieser Art in Dornbirn 1884, gab es laut Klemenčič in Tirol und Vorarlberg 78 Kraftwerke mit einer Gesamtleistungsfähigkeit von 9.700 PS (1 Pferdestärke = 735.499 Watt). 5 Kraftwerke waren thermoelektrisch, 7 verwendeten neben Wasser auch Kohle, während die Mehrheit nur Wasserkraft nutzte. Die meisten Kraftwerke (12) konzentrierten sich im Bezirk Innsbruck, aber den Produktivitätsrekord hielt eindeutig Meran, das mit dem leistungsstärksten Kraftwerk Tirols (plus 4 weiteren) über 3.181 PS verfügte, weit mehr als die 1.757 PS Innsbrucks. Die Etschwerke in Töll hatten im April 1898 die Produktion aufgenommen und wurden von einer Gesellschaft kontrolliert, die von den Gemeinden Meran und Bozen gebildet wurde. Von Töll aus brachte eine 35 km lange Stromleitung die Energie nach Bozen, was die niedrige Position dieser Stadt in der hier vorgestellten Rangliste erklärt: 5 Kraftwerke und nur 129 PS erzeugte Energie. Trient, wo 1890 ein großes städtisches Kraftwerk eingeweiht wurde, lag gleich nach Innsbruck mit 2 Anlagen und 950 PS. Insgesamt erzeugten die 15 größten Tiroler Kraftwerke 7.900 PS, während die restlichen 1.800 PS auf 63 Kleinanlagen verteilt waren.

Was die Nutzung von Elektrizität anbelangt, so wurden laut Klemenčičs Analyse 80 % der erzeugten Energie für die Beleuchtung, 20 % für Elektromotoren und nur 0,13 % für die Elektrochemie verwendet. Ein einziges Kraftwerk in Brixlegg lieferte Energie für die Kupferproduktion. Es muss hinzugefügt werden, dass in Tirol/Vorarlberg keine elektrische Eisenbahn in Betrieb war, mit der partiellen Ausnahme einer kleinen Bahn im Gelände der Textilfirma Hämmerle in Feldkirch. Klemenčič stellt dann einen internationalen Vergleich an, aus dem die Region als sehr rückständig herauskommt. Zu dieser Zeit betrug die Leistungsfähigkeit der Schweiz zum Beispiel 100.000 PS. Das Land wies auch mindestens 21 elektrische Bahne und mehreren elektrochemische Unternehmen auf, von denen das größte über ein Kraftwerk verfügte, das 15.000 PS erzeugen konnte. Den gemeldeten Daten zufolge war der elektrochemische Bereich auch in den französischen Alpen etabliert, mit rund 20.000 PS die für diesen Zweck verwendet wurden.

Der Rückstand Tirols auf dem Gebiet der Energiegewinnung hatte viele Ursachen, angefangen bei der Tatsache, dass in den nördlichen Ländern der Habsburgermonarchie die Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe zum klaren Vorteil der dort angesiedelten thermoelektrischen Produktion ging. Hinzu kam, dass die Nutzung der reichlichen Wasserressourcen durch Vorschriften behindert wurde, die den Gebrauch von Wasserläufen außer für landwirtschaftliche Zwecke vernachlässigten. In Tirol schreckten die geringe lokale Nachfrage und die mit dem Energieexport verbundenen Schwierigkeiten von umfangreichen Investitionen ab und das Land litt auch unter der Abwesenheit einer industriellen Kultur und, mit wenigen Ausnahmen, einer dynamischen Unternehmerschicht. Die elektrochemischen Konzerne, die sich schließlich in der Region ansiedelten, wie zum Beispiel die Kalziumkarbidfabrik, die neben den Etschwerken gebaut wurde, waren alle auf ausländisches Kapital und Know-how angewiesen. Abschließend hofft Klemenčič, dass Tirol sich des enormen Potentials, den der hydroelektrischen Sektor seiner Wirtschaft bot, bewusst werde und damit beginne, es richtig zu nutzen. Die Erschließung dieses Potentials wurde schließlich, sowohl südlich als auch nördlich des Brenners, nach dem Ersten Weltkrieg energisch vorangetrieben.

 

Bibliografie:

A. Bonoldi, “Energia e industria nello sviluppo dell’area tirolese 1880-1920”, in: P. Cafaro/G. Scaramellini (a cura di), Mondo alpino: identità locali e forme d'integrazione nello sviluppo economico: secoli XVIII-XX, (Milano: Franco Angeli, 2003), pp. 95-111.

R. Sandgruber, “Gli esordi dell’elettrificazione nelle province alpine austriache”, in: A. Bonoldi/A. Leonardi (a cura di), Energia e sviluppo in area alpina. Secoli XIX-XX, (Milano: Franco Angeli, 2004), pp. 165-186.

Die Quelle des Monats ist unter diesem Link online einsehbar:

https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/go/158271

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