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Gruppenbild: Nitti empfängt Kanzler Renner, 7. April 1920. Author: Adolfo Porry Pastorel.
© Nachlass Pastorel, Historisches Archiv Istituto Luce.

Südtirol in den Beziehungen zwischen Österreich und Italien. Die Reise des österreichischen Kanzlers Karl Renner nach Rom (7.–12. April 1920)

Die Historegio-Quelle-des-Monats November stellt ein Foto dar, das anlässlich eines Treffens zwischen dem österreichischen Kanzler Karl Renner und dem italienischen Ministerpräsident Francesco Saverio Nitti in Rom am 7. April 1920 angefertigt wurde. Ergebnis dieser Zusammenkunft war die Festschreibung der unwiderruflichen Übertragung Südtirols an Italien.

Während der Pariser Friedensverhandlungen intervenierten die österreichischen politischen Vertreter auf verschiedenen Ebenen, um die Zuweisung der Brennergrenze an das italienische Königreich zu verhindern. Als besiegtes Land war aber die junge österreichische Republik nicht in der Lage, Bedingungen zu stellen. Darüber hinaus befand sich Österreich in einer prekären ökonomischen Situation, weshalb das Land es sich nicht leisten konnte, die Siegermächte zu verärgern.

Nach der Unterzeichnung des Vertrages von Saint Germain am 10. September 1919, der die Annexion Südtirols durch Italien beschloss, entwickelten sich die Beziehungen zwischen Italien und Österreich in Richtung einer Normalisierung. Die Südtiroler Frage blieb jedoch weiterhin ein polarisierendes Thema für zahlreiche politische Gruppierungen in Österreich und insbesondere in Tirol. 

Die vom 7. bis 12.  April 1920 stattfindende Reise nach Rom von Kanzler Karl Renner (1870–1950), welche ein wichtiger Bestandteil der Aufnahme neuer diplomatischen Beziehungen zwischen beiden  Ländern war, erhielt ein erhebliches Medienecho. Das Foto wurde am 7. April vom „Vater des italienischen Fotojournalismus“, Adolfo Porry Pastorel (1888–1960), gemacht. Es wird im historischen Archiv vom „Istituto Luce” in Rom aufbewahrt. Im Zentrum des Bilds sind die zwei Hauptfiguren des Treffens porträtiert. Renner wurde vom italienischen Ministerpräsidenten Francesco Saverio Nitti (1868–1953) beim Palazzo Braschi empfangen. 

Nach der Erklärung, die von Renner an die italienische Presseagentur Stefani weitergeleitet wurde, hätten sich beide Regierungschefs über die Politik für die Lösung der Lage in Mitteleuropa verständigt. Renner hätte von der Notwendigkeit einer Konsolidierung des Friedensabkommens und einer endgültigen Lösung für Kärnten und die Steiermark gesprochen und Nitti das Problem der ernsten Ernährungssituation in Österreich und die Notwendigkeit neuer Hilfsgüter und Rohstoffe vor Augen geführt. Zufolge dieser Pressemitteilung wurde die Südtiroler Frage vom österreichischen Kanzler nicht aufgeworfen oder angesprochen. Stattdessen verlautbarte der italienische Ministerpräsident Nitti die spontane Absicht Italiens, den deutschen Bewohnern in Südtirol die Errichtung von Einrichtungen zu ermöglichen, welche die lokale Autonomie gewährleisten sollten. Der Pressebericht erwähnt aber nicht jenen Beschluss, der den stärksten Einfluss auf das weitere Schicksal Südtirols hatte: Am Ende der römischen Reise am 12. April 1920 wurde das Geheimabkommen Renner-Nitti unterzeichnet, welches die Zusicherung der in Paris beschlossenen Grenzen garantierte.

Die italienische Presse schrieb in den folgenden Tagen mit großer Zufriedenheit, dass Renner nach der Rückkehr nach Wien sehr positive Eindrücke mitgebracht habe und dass die österreichischen Delegierten sich in Italien sehr herzlich aufgenommen gefühlt hätten. 

Der Verlust von Südtirol war für Nachkriegsösterreich nur eines von vielen zu lösenden Problemen. Die junge Republik konnte es sich nicht leisten, Südtirol hervorzuheben und damit zu riskieren, die Freundschaft Italiens zu gefährden. Man hoffte auf Mithilfe des südlichen Nachbarns in der Lösung der noch offenen Kärntner Frage, darüber hinaus war man von den Versorgungslieferungen abhängig.

Es lässt sich feststellen, dass das Treffen einen bestimmten Einfluss auf Nittis Südtirol-Politik gehabt hat: In den folgenden Tagen ließ er den politischen Südtiroler Delegierten mitteilen, sein Vorhaben, für Südtirol eine separate Provinz mit einem eigenem Wahlbezirk zu schaffen. Es handelte sich um wichtige Autonomieversprechen, die Hoffnungen unter den Südtirolern und den Unmut unter den Italienern, insbesondere unter den Trentinern, weckten. 

Nittis Regierung musste aber in dem schwierigen politischen Klima Nachkriegsitaliens zwei Monaten später, am 15. Juni 1920, zurücktreten. Unter seinem Nachfolger Giovanni Giolitti (1842–1928) war von einer Autonomie keine Rede mehr.

Literaturhinweise: 

Oswald Überegger, Im Schatten des Krieges. Geschichte Tirols 1918-1920, Paderborn, Ferdinand Schöning, 2019. 

Stefan Malfèr, Il distacco del Sudtirolo dall’Austria nelle considerazioni di parte austriaca,  In: Rovereto in Italia dall’irredentismo agli anni del fascismo (1890-1939), herausgegeben von Mario Allegri, Rovereto, Accademia roveretana degli Agiati, 2002, Bd.1, SS.53-68.

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Magda Martini

Historegio-Projekt: "Italien, Südtirol und der Pariser Frieden 1919: politische Haltungen, diplomatische Strategien und öffentlicher Diskurs". 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

Kontakt: magda.martini@unibz.it

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