Verstehen

Sprengstoffanschläge gegen STE 14.12.1961
© Enel Archiv

Sprengstoffanschläge gegen die Wasserkraftindustrie

Die Quelle des Monats Oktober stammt aus dem Enel Archiv in Neapel, welches die Geschichte der italienischen Elektrizitätswirtschaft von ihren Ursprüngen an dokumentiert. Das Dokument listet die Bombenangriffe auf, die während der so genannten „Feuernacht“ vom 11.- 12. Juni 1961 auf die Anlagen und Infrastrukturen der Società Trentina di elettricità (STE) ausgeübt wurden.

Bei dem Dokument handelt es sich um ein Schreiben des Gerichts Bozen an STE, einer Tochtergesellschaft der Società idroelettrica piemontese (SIP), die in der Region mehrere Kraftwerke besaß und auch im Transportbereich tätig war. Der Untersuchungsrichter forderte das Unternehmen auf, Einzelheiten zu dreizehn Angriffen auf seine Wasserkraftwerke und Infrastrukturen vorzulegen. Von diesen Bombenanschlägen ereigneten sich elf in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 und die beiden anderen einige Monate später. Die aufgelisteten Vorfälle betreffen das Kraftwerk Sankt Anton in Bozen und jenes im Sarntal, beide an der Talfer, sowie das Kraftwerk Lana am Falschauer Bach, nebst der Sprengung verschiedener Hochspannungsmasten am Stadtrand von Bozen, im Überetsch und im Ultental. Um das Ausmaß der Feuernacht und der darauffolgenden „Bombenjahre“ zu verstehen, muss man bedenken, dass die STE nur eines der vielen in Südtirol tätigen Elektrounternehmen war, die ähnlichen Schäden ausgesetzt waren. Die Quelle des Monat stammt aus einem (großen) Archivordner, der ausschließlich Material über ähnliche Angriffe enthält.

Die „Feuernacht“ wurde vom Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) verübt, einer in den 1950er Jahren gegründeten Gruppe, die die Selbstbestimmung Südtirols und die Beendigung seiner Italianisierung zum Ziel hatte. Die Mitglieder der Organisation waren der Meinung, dass die SVP nicht in der Lage war diese Aufgabe zu erfüllen, und wollten, auf gewaltfreie Weise, die internationale Aufmerksamkeit auf das Südtirolproblem lenken. Diese friedliche Linie wurde jedoch bald zugunsten des bewaffneten Kampfes aufgegeben. Ab 1957 wurden Sprengstoffanschläge auf Gebäude, elektrische Infrastrukturen und Statuen verübt, wie z. B. auf das Alpini-Denkmal in Bruneck und die Skulptur des „Aluminium duce“ beim Montecatini Kraftwerk in Waidbruck. Die Wasserkraftindustrie wurde nicht nur wegen der konkreten Folgen eines Stromausfalls ins Visier genommen, sondern auch wegen ihrer symbolischen Bedeutung im Zusammenhang mit der italienischen „Eroberung“. Diese ersten Aktionen, insgesamt zwölf bis 1959, forderten keine Opfer und waren nicht immer erfolgreich. Was die Waffen anbelangt, so verfügte der BAS über Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg und sehr begrenzte Mittel zur Beschaffung von Sprengstoff. 1960 setzte sich die in Nordtirol ansässige BAS-Fraktion mit der Zusage von Geldern und Ausrüstung gegen die Südtiroler Fraktion durch und erzwang die Idee eines Großangriffs.

Zwischen dem 11. und 12. Juni 1961 fiel die so genannte Herz-Jesu-Nacht, ein Ereignis welches mit Feuern in den Bergen an das Gelöbnis von 1796 für den Kampf gegen die napoleonischen Truppen erinnert. In der Nacht wurden 37 Hochspannungsmasten und etliche Wasserleitungen gesprengt, mit dem Ziel die Stromversorgung des Bozner Industriegebiets zu unterbrechen. Der Plan war in der Tat nicht erfolgreich, wie Alto Adige berichtete, waren die Bozner Industriezone zur Hälfte lahmgelegt und drei E-Werke außer Betrieb gesetzt worden (letztere waren die drei oben genannten STE-Anlagen). Es wurden in der Provinz auch einige nicht explodierte Sprengkörper gefunden, von denen einer in der Nähe von Salurn ein Todesopfer forderte. Die Ereignisse der Feuernacht führten zur Verhaftung zahlreicher BAS-Mitglieder, von denen zwei im Gefängnis an den Folgen von Misshandlungen starben. In den 1960er Jahren kam es zu einer Radikalisierung der Bewegung, die vor allem bei den Sicherheitskräften zahlreiche Opfer forderte, bevor sie 1969 ihre Aktivitäten einstellte.

Die Meinungen über den Zusammenhang zwischen der Feuernacht und dem Zustandekommen des zweiten Autonomiestatuts im Jahr 1972 sind geteilt. Die Attentäter zielten nicht auf Autonomie, sondern auf Sezession ab. Hinzu kommt, dass die vom BAS angewandten Methoden nie die breite Unterstützung der deutschsprachigen Bevölkerung fanden, auch wenn diese mit ihrer Situation damals sehr unzufrieden war. Die Idee, dass die Wasserkraftindustrie, die sich zur Zeit der faschistischen Diktatur in der Region angesiedelt hatte, die lokalen Ressourcen zum Nutzen der italienischen Wirtschaft ausbeutete und beim Italianisierungsprozess eine Schlüsselrolle spielte, war weit verbreitet. Die Kraftwerke und die von ihnen mit Strom belieferten Fabriken hatten ausschließlich italienische Arbeitskräfte angezogen, was die ethnische Zusammensetzung des Landes unwiderruflich verändert hatte. Die Perzeption einer Verbindung zwischen dem Wasserkraftsektor und dem Faschismus blieb bei der deutschsprachigen Bevölkerung lange bestehen und änderte sich auch nach der Verstaatlichung von 1962 nicht, als Enel die Elektrizitätsgesellschaften ablöste. Erst die Liberalisierung des europäischen Energiemarktes 1999 und die Übergabe der Kontrolle über den Wasserkraftsektor an die autonome Provinz Bozen brachten in dieser Hinsicht eine wirkliche Veränderung mit sich.

Bibliografie:

Ettore Frangipane, “Strom und Attentate”, in: W. Mitterer (Hrsg.), Megawatt & Widerstand. Die Ära der Groß-Kraftwerke in Südtirol, (Bozen: Athesia, 2005), pp. 184-203.

Rolf Steininger, Die Feuernacht und was dann? Südtirol und die Bomben 1959-1969, Sonderdruck zur Dolomiten- Ausgabe nr. 132 vom 10. Juni 2011. 

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Alice Riegler

Historegio- Projekt: "Technologietransformationen und ihre Folgen im Alpenraum im 19. und 20. Jahrhundert"

Fachbereich Wirtschaftswissenschaften – Universität Trient

Kontakt: alice.riegler@unitn.it 

 

 

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