Verstehen

Eine Skizze des Gipfelbereiches anlässlich der Kreuzbemalung von 1910. AT-Oesta/HHStA PA XI 163-7

Ein „kleiner Fleck ohne jede militärische oder wirtschaftliche Bedeutung“? Die Cima Dodici (Zwölferkogel) im Bann des Nationalitätenkonfliktes

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser der allmonatlichen HISTOREGIO-Quelle-des-Monats! Ich darf Sie in Gedanken auf eine historische Bergtour auf die Cima Dodici (Zwölferkogel) begleiten, den höchsten Gipfel der Vinzentiner Alpen mit 2337 m, der sich südlich von Borgo Valsugana über der Landschaft erhebt.

Gegenwärtig führt eine Bergtour auf die Cima Dodici entlang des Grenzbereiches zwischen dem Trentino, also der Provincia autonoma di Trento und der Regione del Veneto. In den Jahren 1910 bis 1913, dem hier näher betrachteten Untersuchungszeitraum, befand sich der Berg im Grenzgebiet zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien. Beide Länder waren kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch Verbündete im sogenannten Dreibund.         

Der Anlass

Der Gipfel und das Gipfelkreuz des Berges wurden nach der Eröffnung einer Schutzhütte durch den italienischen Alpenverein (Club Alpino italiano) unweit der Bergspitze zu einem umkämpften Schauplatz nationalistischer Gesinnungen – ein Konflikt, der allerdings (noch) nicht kriegerisch ausgetragen wurde. Die Eröffnungsfeierlichkeiten und der Standort der Hütte befanden sich auf unbestrittener italienischer Seite, der Berggipfel hingegen wurde zum zentralen Zankapfel: Nach den Einweihungsfeierlichkeiten am 18. September hissten einige der rund 60 Teilnehmer der Feier eine italienische Fahne auf der Bergspitze. Die 4 m lange und 2,5 m breite Trikolore wurde dabei am Gipfelkreuz angebracht. Der österreichische Gendarmeriepostenkommandant Johann Maring aus Borgo erblickte die Fahne am darauffolgenden Tag, konfiszierte diese und übergab sie der dortigen Bezirkshauptmannschaft. Den Gipfelbereich der Cima Dodici beanspruchten nach diesen Ereignissen sowohl die österreichischen als auch die italienischen politischen Vertreter gleichermaßen als eigenes Territorium. Lediglich 40 m Luftlinie sollen sich zwischen dem Gipfelkreuz und der Nationalstaatsgrenze befunden haben, zumindest wenn es nach der Ansicht der österreichischen Behörden ging. Die Österreicher argumentierten ihre Sichtweise, dass es sich um ein österreichisches Territorium handelte, mit den Vereinbarungen des Friedensvertrages von Wien von 1866 und mit den Beschlüssen einer Grenzbereinigungskommission von 1905. Die Italiener verhielten sich hingegen abwartend und wollten den genauen Sachverhalt erst geprüft wissen.

Eskalation durch die Medienberichterstattung?

Die unzähligen Medienberichte, die nach der Fahnenhissung und -entfernung folgten, vermittelten der Bevölkerung zeitnah die unterschiedlichen Sichtweisen und versuchten sie für die eine oder andere Seite zu vereinnahmen. Differenzierte Zeitungsberichte waren hingegen deutlich in der Minderzahl, zu sehr waren bereits seit längerer Zeit auf beiden Seiten nationalistische Akteure und Gruppierungen aktiv, welche diesen Vorfall zum willkommenen Anlass nahmen, das ungelöste Nationalitätenproblem noch mehr aufzuschaukeln und in ihrem Sinn eskalieren zu lassen. 
Die österreichischen Behördenvertreter vermuteten hinter der Fahnenhissung und den darauffolgenden Aktionen auf dem Cima-Dodici-Gipfel zunächst eindeutig irredentistische Vereinigungen, die vom angrenzenden Veneto aus operierten. Insbesondere die nur wenige Wochen nach der Fahnenhissung erfolgte Kreuzbemalung mit den italienischen Nationalfarben (grün, weiß, rot) ließ den Ort abermals ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit rücken. Das zuvor „geschändete“ Kreuz wurde von österreichischen Grenzbeamten weiß übermalt, die Neueinsegnung durch einen Priester hingegen musste erst wetterbedingt abgebrochen und wiederholt werden. Dabei war auch kurzfristig, um diese „Reinigung“ und Wiederherstellung ohne Zwischenfälle durchführen zu können, überlegt worden, Soldaten als Geleitschutz anzufordern. Schließlich begleiteten aber Gendarmen diesen Versuch der österreichischen Behörden, an ihrer Südgrenze wieder klare Rechtsverhältnisse zu schaffen. Im Rahmen der ersten Kreuzbemalung platzierten die nationalistischen italienischen Akteure auch ein Gipfelbuch auf der Cima Dodici, worin sich irredentistische Sprüche von italienischen Finanzpolizisten (Guardia di Finanza) wiedergefunden haben sollen. Das Buch hat sich leider archivalisch nicht erhalten. Die in den Akten überlieferten Sprüche legen nahe, dass der Gipfel als weiterer Austragungsort des Konfliktes immer wieder bewusst ausgewählt wurde.   

Der Vorwurf staatlicher Einflussnahme oder Duldung durch Italien

Der Versuch, das seit der Balkankrise von 1908 nicht ungetrübte außenpolitische Verhältnis zwischen beiden Ländern durch solche Aktionen zu destabilisieren und eskalieren zu lassen, scheiterte zunächst am Konsens zwischen Österreich und Italien, welcher 1913 in Form eines Vertrages zur Belegung dieses Grenzstreites hergestellt werden konnte. Nichtsdestotrotz herrschte enormes Misstrauen auf österreichischer Seite dem verbündeten Italien gegenüber vor, welche hinter den Handlungen und Äußerungen der Finanzpolizisten (die sich wie angeführt im Gipfelbuch sogar namentlich verewigt hatten) einen direkten staatlichen Handlungsauftrag vermutete. Antonino Paternò-Castello, in zweiter Amtszeit italienischer Außenminister von 1910 bis 1914, gab mit seinen pauschalen Äußerungen, die damaligen österreichischen Gebiete von Triest und des Trentino seien „terre italiane“, wohl auch wenig Anlass dazu, zunächst keine staatliche Einflussnahme hinter den Ereignissen zu vermuten.           
Die unzähligen Berichte in den italienischen und österreichischen Zeitungen und die Aktenbestände des österreichischen Außenministeriums im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien geben heute von der Bedeutsamkeit dieses zunächst unbedeutend erscheinenden Ereignisses beredtes Zeugnis ab. Symbolische Aktionen wie die Fahnenhissung auf dem Gipfel der Cima Dodici würden heute für keine große außenpolitische Krise sorgen. 1910 ging es aber weit um mehr als um einen einfachen Berggipfel, der lediglich mit einem Nationalsymbol behangen wurde und dem letztlich auch keine große strategische oder militärische Bedeutung zukam: Aus damaliger Sicht äußerte sich hier vielmehr der deutliche Anspruch italienischer Nationalisten auf den südlichen Teil des Kronlandes Tirol, den es von österreichischer Seite zu bekämpfen galt, um die staatliche Integrität zu wahren.

Vorbild Tolomei?

In vielerlei Hinsicht erinnern die Cima-Dodici-Vorfälle an die Besteigung des Klockerkarkopfes („Vetta d’Italia“) durch Ettore Tolomei im Jahr 1904, der damit den nördlichsten Punkt Italiens bezeichnet sehen wollte: Die weiter südlich gelegene Cima Dodici wurde zu einem weiteren von vielen geografischen Punkten des 1910 von Nationalisten noch unvollständig aufgefassten Italiens. Auf dem Gipfel der Cima Dodici und im Rahmen der hier vorgestellten Ereignisse kristallisierten sich die Ansprüche der italienischen Nationalisten auf das Gebiet des „unerlösten“ Trentino. Gleichzeitig zeigen sich hier am konkreten Beispiel die etwas unbeholfen wirkenden Versuche der österreichischen Behörden, gegen die unzähligen nationalen Konfliktfelder, die längst mit territorialen oder Forderungen nach Autonomie vermischt waren, vorzugehen.

Archivalischer Ausgangspunkt der heute hier vorgestellten Quellen sind Bestände des österreichisch-ungarischen Außenministeriums jener Zeit, im Konkreten Bestände des Politischen Archives im HHStA in Wien.

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Mag. Alexander Piff, Bakk. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und befasst sich im Rahmen des HISTOREGIO-Projektes mit Nationalisierungsprozessen im historischen Tirol.

https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/mitarbeiterinnen/projekt/piff_alexander/

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