Regionales Nation-Building

Caspar von Edler, Kreishauptmann der "Welschen Confinen" (Rovereto) an das hochlöbliche K. K. Landes-Praesidium für Tirol und Vorarlberg am 31. Jänner 1848
© TLA, Jüngeres Gubernium, Geheime Präsidialakten, Serie I, Sign. X, Fasz. 5a, Volksstimmung 1848, Nr. 18

Nationalitätenkonflikt: Geheime staatliche Meinungsforschung im Vormärz

Die HISTOREGIO-Quellen des Monats März stammen aus dem Bestand der obersten Verwaltungsbehörde in Tirol in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Beamte in den Verwaltungsbezirken („Kreisen“) informierten das Gubernium über die Ansichten der Untertanen und über die politischen Zustände im Land.

„In dem gegenwärtigen Augenblick denkt gewiß niemand an einen Aufstand […] und zieht es vor in Ruhe und Fried bey seinen häuslichen Beschäftigungen zu leben.“ („Volksstimmung 4/1822“, Kreis Steinach)
Tirol – eine Insel der Seligen?

Die Wiedereinsetzung der österreichischen Herrschaft in Tirol 1814 und die Verleihung einer neuen landständischen Verfassung 1816 stellten nach den langen Jahren des Krieges gegen Frankreich den Versuch dar, an die Verhältnisse vor Beginn der Französischen Revolution 1789 anzuknüpfen. Dass dabei immer noch die zum Teil schon am „Offenen Tiroler Landtag“ 1790 aufgeworfenen Fragen und Anliegen der italienischsprachigen Bevölkerung Tirols, etwa eine der Bevölkerungszahl entsprechende Repräsentation im Landtag oder die Verwendung der italienischen Verwaltungssprache, einfach ignoriert wurden, sollte sich wenige Jahrzehnte später neben den sich zunehmend offenbarenden nationalen Problemlagen in der Monarchie (Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Serben …) als eine weitere Hypothek für Österreich herausstellen.                  

„Die häufig nach Italien hin und her ziehenden Land und Gewerbsleute Südtirols äußern unter Weges so bösartige Gesinnungen gegen die Regierung […]“ (Wenzel Ritter von Kronenfels, dirigierender Polizei Oberkommisar in Trient an Jakob Hahn, wirkl. Gubernialrat und Polizeidirektor in Innsbruck, Trient am 24. Februar 1831)       
Verdachtsmomente

Seit den 1820er Jahren waren es zunehmend Vereinigungen und Geheimgesellschaften wie die zunächst in Süditalien auftretenden „Carbonari“ oder später die Mitglieder der Gruppe „Giovine Italia“, welche in das Blickfeld der Behörden in Tirol gerieten. Ein Faszikel, der sich neben den „Stimmungsberichten“ in den „Geheimen Präsidialakten“ des Gubernium findet, listet die als verdächtig wahrgenommenen und verfolgten „revolutionären Italiener“ auf.  Auffällig wird dabei, dass nach "revolutionären“ Ereignissen wie in Spanien 1820, dem Aufstand in Neapel im selben Jahr, oder nach der Julirevolution 1830 in Frankreich, die Furcht der Behörden in Tirol für Gruppen bestimmter Herkunft oder für bestimmte Symbole nachweislich größer wurde.

„Das[s] man beinahe täglich den Ausbruch ernstlicher Unruhen besorge […]“ (Wenzel Ritter von Kronenfels, dirigierender Polizei Oberkommisar in Trient an Jakob Hahn, wirkl. Gubernialrat und Polizeidirektor in Innsbruck, Trient am 24. Februar 1831)
Das Schreckgespenst der Revolution geht um.

Insbesondere aber die Aufstände in Modena, Parma und im Kirchenstaat im Jahr 1831 gaben Anlass zur Sorge, dass unerwünschtes Gedankengut hierher importiert werde. Auch die Vortäuschung von falschen Tatsachen kreidete man den „Unruhestiftern“ an: 

„Reisende aus den Modenesischen und Päbstlichen Gebiete verbreiten die hier sehr hastig aufgenommene Nachricht, daß dort alle Arten Abgaben also herabgesetzet worden, daß nur die größte Freude herrsche. Diese Täuschung mag wohl einige Zeit in Modenesischen anhalten können, wo man von seiner königl. Hoheit nicht nur sehr große Schätze […] sondern auch ungeheure Magazine an Getreide, Salz etc. vorgefunden haben soll, allein in Päbstlichen wird dieser Spaß nicht von Dauer seyn.“ (Wenzel Ritter von Kronenfels, dirigierender Polizei Oberkommissar in Trient an Jakob Hahn, wirkl. Gubernialrat und Polizeidirektor in Innsbruck, 24.2.1831)

1848, im Jahr der großen demokratisch-bürgerlich geprägten Aufstände in Mitteleuropa, waren diese politischen Kräfte in Tirol in greifbare Nähe gerückt. Sie wurden allerdings von den Behörden noch nicht ganz ernst genommen. Auch in Trient kam es im Februar 1848 zu Aufständen gegen die österreichische Herrschaft. Politische Parolen, die auf Fahnen und Gebäuden anbracht wurden („Viva Pio“ – Papst Pius IX. wurde zur Identifikationsfigur einer liberalen Katholizität, „Viva l’Italia redenta“), sowie harmlose Übergriffe auf Verwaltungsbeamte waren aber vergleichsweise milde Ausprägungen „revolutionärer“ Gesinnungen.

Die „Stimmungsberichte“, deren Inhalte sich aus persönlichen Beobachtungen der Kreishauptleute und hohen Polizeibeamten und aus den ihnen zugetragenen Informationen zusammensetzten, waren nur bedingt geeignet, um längerfristige gesellschaftliche Entwicklungen und „Meinungen“ identifizieren zu können. Sie geben vielmehr Aufschluss von der behördlichen Anstrengung und vom Versuch, Herrschaftsstrukturen bewahren zu wollen. Der kulturelle und politische Einigungsprozess im Rahmen einer nationalen „Italianità“ erfasste als Alternativkonzept zu bisherigen, historischen „Loyalitäten“ in der Stadt und am Land auch die Region von „Welschtirol“. In den folgenden politischen Debatten um den südlichen Landesteil wurden diese mehrdeutigen, zum Teil widersprüchlich erscheinenden Bindungen immer mehr offenkundig. Die Nation als zentrale und ausschließende Identifikationseinheit gewann zunehmend an Bedeutung.

Weiterführende Literatur

Maria Garbari, Aspetti politico-istituzionali di una regione di frontiere, in: Maria Garbari, Andrea Leonardi (Hrsg.), Storia del Trentino V. L’età contemporanea 1803–1918, Bologna 2000, S. 13–164.

Hans Heiss/Thomas Götz, Am Rand der Revolution. Tirol 1848/49, Wien – Bozen 1998.

Florian Huber, Grenzkatholizismen. Religion, Raum und Nation in Tirol 1830–1848 (Schriften zur politischen Kommunikation 23), Göttingen 2016.

Thomas Götz, Bürgertum und Liberalismus in Tirol 1840–1873. Zwischen Stadt und 'Region', Staat und Nation (Italien in der Moderne 10), Köln 2001.

Quellen
TLA, Jüngeres Gubernium, Geheime Präsidialakten, Serie I, Sign. X, Fasz. 5a.

Mag. Alexander Piff, Bakk. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und befasst sich im Rahmen des HISTOREGIO-Projektes mit Nationalisierungsprozessen im historischen Tirol.

https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/mitarbeiterinnen/projekt/piff_alexander/

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