Regionales Nation-Building

Irrdentistische Zündholzschachteln
AT-Oesta/HHStA PA XI 163-9 Liasse VII/10

Difendiamo la nostra lingua! Eine Zündholzschachtel sorgt für diplomatische Verstimmung

Ein kleiner Gebrauchsgegenstand, der zunächst in den nördlichen Provinzen des Königreiches Italien Verbreitung fand, sorgte zwischen August 1910 und September 1912 für große Verstimmung in Wien. Die in dieser Zeit in Turin erfolgte massenhafte Produktion von „irredentistischen Zündholzschachteln“ und deren Vertrieb in Oberitalien (Mailand, Bergamo und Brescia) wurden zum Politikum auf höchster Ebene zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien.

Die hier abgebildete Zündholzschachtel wurde vom Circolo Trentino in Torino und mit Unterstützung eines studentischen Komitees der Universität Turin seit Ende Juli 1910 herausgegeben. Der Erlös aus dem Verkauf kam wahrscheinlich – das geht aus den Akten des Politischen Archivs des österreichischen Außenministeriums hervor – der „Associazione (pro) Trento e Trieste“ zugute, die sich 1903 gegründet hatte und sich die Verteidigung und die Erhaltung der Italianità an die Fahnen geheftet hatte.         
Die Schachtel weist auf der Oberseite eine italienische Trikolore auf. Folgende politische Botschaft ist auf der Fahne selbst angebracht: „ITALIENER. Verteidigen wir unsere Sprache bedroht von den Deutschen und Slawen an den Toren von Trient und Triest“ (ITALIANI. Difendiamo la nostra lingua minacciata alle porte di TRENTO e TRIESTE da Tedeschi e Slavi.). In dieser Bildsprache – die zentrale Botschaft befindet sich auf der Trikolore selbst – wird der Aufruf als nationaler Abwehrkampf aller Italiener gegen die Deutschen und Slawen in den „unerlösten Gebieten“ des Trentino und der österreichischen Küstenlande (Litorale Austriaco) formuliert. Er richtet sich gegen alle nicht-italienischen Bewohner und Bewohnerinnen dieser Gebiete, welche an den Toren von Trient und Triest die italienische Sprache bedrohen würden.     
Neben der Aufforderung an alle Italiener, sich dem gemeinsamen Verteidigungskampf anzuschließen, formuliert die in der Turiner Fabrik L’Alpina hergestellte Streichholzschachtel auch weitreichende Gebietsansprüche: Auf der Rückseite ist in Tradition der Nationalitätenkarten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Abbildung des Besiedlungs-gebietes im Grenzbereich zwischen Österreich-Ungarn und Italien zu sehen (vgl. dazu auch den Beitrag zur Quelle des Monats von Juni 2019 zur Nationalitätenkarte von Carl von Czörnig). Dabei definieren die Schöpfer der Zündholzschachtel drei verschiedene Arten der nördlichen und östlichen Grenze Italiens zu Österreich-Ungarn. Sie unterscheiden dabei bewusst sprachlich zwischen dem Königreich Italien und dem eigentlichen Italien: einer gegenwärtig (1910) geltenden politischen Grenze, gleichzusetzen mit der Grenze des italienischen Königreichs (confine politico odierno = confine del Regno), der Sprachgrenze (confine linguistico), die sich aus der farblichen Abgrenzung der Sprachgruppen erkennen lässt und einer natürlichen und historischen Grenze (confine naturale e storico = confine d’Italia). Diese sei die eigentliche Grenze von Italien.        
Der Begleittext auf der rechten Querseite der Schachtel erläutert die genaueren Zusammenhänge dieser Aussagen: „Trient und Triest sind in ITALIEN, obwohl sie nicht im KÖNIGREICH sind. Die Trentiner und die Triestiner sind ITALIENER, nicht nur die BEWOHNER DES KÖNIGREICHS. Julisch Venetien und das Trentino sind Provinzen von Venetien, von VENEDIG, die Regio X des augusteischen Italiens“ („Trento e Trieste sono in ITALIA, benchè non siano nel REGNO. Sono ITALIANI, anche i Trentini e i Triestini, e non i soli REGNICOLI. La Venezia Giulia e il Trentino sono provincie del Veneto, cioè della VENETIA, X regione augustea d’Italia.”)        
Zentral für das Untersuchungsgebiet des historischen Tirols und für das Forschungsprojekt ist die klar erkennbare Forderung nach der Brennergrenze. Diese inkludiert auch das Gebiet von Deutschtirol. Die Brennergrenze argumentieren die Herausgeber aus der historischen Zugehörigkeit des Territoriums zur antiken römischen Provinz Regio X (Venetia et Histria). Der natürliche Urzustand sollte mit der Inkraftsetzung der historischen Grenze wiederhergestellt werden.
Zentraler Anstoßpunkt für die österreichischen Behörden war neben den weitreichenden territorialen Forderungen auf Gebiete der Habsburgermonarchie, dass die Schachtel mit der königlichen Steuermarke versehen war und dass sie in dieser Form verkauft wurde. Es stand also der Verdacht im Raum, dass der Verkauf mit staatlicher Genehmigung Italiens (oder Unterstützung) durchgeführt wurde. Dieser Umstand veranlasste die österreichischen Beamten – allen voran den österreichischen Botschafter in Rom – dazu, beim italienischen Außenministerium vorstellig zu werden. Der italienische Außenminister wies die Vorwürfe bzw. Verantwortung von sich. Die Herstellung und der Vertrieb eines solchen Produktes unterliege nicht der staatlichen Kontrolle, da es sich um kein Monopolprodukt des Staates handle. Die Stempelmarken hingegen können von jedem Produzenten individuell angebracht werden, die Kontrolle des Staates betreffe lediglich die Steuerfrage.       
Letztlich wurde im September 1912 eine Einigung erzielt, die durch die Zusage der Inhaber der Mailänder Tabakläden den weiteren Verkauf der Schachteln in Mailand noch in den Provinzen Bergamo und Brescia unterbinden werde. Wie erfolgreich sich der Verkauf des Massenproduktes bis dahin gestaltete und wie erfolgreich die Produzenten mit der Verbreitung ihrer Botschaften waren, zeigt sich indirekt: Das Produkt wurde an vielen Orten gleichzeitig verkauft und erregte Aufmerksamkeit. Sogar zwei Privatpersonen aus Wien setzten aus „patriotischem Empfinden“ den österreichischen Außenminister von ihrer Entdeckung der Schachtel in Venedig und Verona in Kenntnis, die dort verkauft wurden.
Die hier vorgestellte kleine Zündholzschachtel verdeutlicht eindrücklich, wie sich vor dem Ersten Weltkrieg politische Botschaften in massenhafter Weise verbreiten ließen. Sie sind an einem herkömmlichen Alltagsgegenstand angebracht und machen aus dem Objekt mehr als ein Gebrauchsutensil etwa für Raucher. Die Zündholzschachtel steht exemplarisch für das von verschiedenen Gruppierungen forcierte Bestreben, ihre nationalistischen Ideen „unter das Volk“ zu bringen. Gleichzeitig war bald der Höhepunkt der nationalistischen Frontstellung erreicht, der nur noch von der Propaganda im Ersten Weltkrieg und von der Zeit des Faschismus übertroffen wurde.

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Mag. Alexander Piff, Bakk. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und befasst sich im Rahmen des HISTOREGIO-Projektes mit Nationalisierungsprozessen im historischen Tirol.

https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/mitarbeiterinnen/projekt/piff_alexander/

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