Technologietransformationen

Werbeprospekt der Agentur für Aufenthaltsfürsorge und für Ausflüge Ritten aus der Zeit des Faschismus in deutscher Sprache. Illustration von Roberto Sgrilli. ©Südtiroler Landesarchiv

Technologietransformationen im Alpenraum: die Rittnerbahn und die touristische Entwicklung des Hochplateaus zur Zeit des Faschismus

Das Thema „Straßen- und Transportwesen“ stellt eines der drei Schwerpunktbereiche des Forschungsprojektes zu den technologischen Transformationen im Alpenraum dar. Die Beziehung zwischen Transportwesen und Fremdenverkehr nimmt in diesem Kontext einen prominenten Platz ein. Die zur Veranschaulichung des Themas „Tourismus und Verkehr“ gewählte Quelle von Juli betrifft die Rittnerbahn. Letztere ist ein perfektes Beispiel für die vielen Transportinnovationen wie Zahnradbahnen, Standseilbahnen und Lifte, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zur touristischen Entwicklung des Alpenraums beitrugen. Das Dokument vom 9. April 1938 hebt auch die faschistische Politik in Bezug auf die Italianisierung Südtirols hervor.

Das Memorandum wurde von der STE (società trentina di elettricità) erstellt, die seit 1926 Mehrheitsaktionärin der Rittnerbahn AG war und damals eine Zahnradstrecke von Bozen nach Oberbozen und eine Überlandtrasse bis Klobenstein betrieb. Die STE legte das Memorandum dem Kommunikationsminister mit dem Ziel vor, eine Finanzierung für die Renovierung der Anlage zu erhalten und gegen den Bau einer Straße Stellung zu beziehen. Das von der STE vorgebrachte Argument war, dass für Touristen, die vor dem "Lärm und den verschiedenen Übel des turbulenten modernen Lebens" fliehen, das Fehlen einer Straße einer der Hauptanziehungsfaktoren sei. Der Straßenbau würde daher auch den Interessen der Hoteliers des Plateaus zuwiderlaufen, da ihre exklusive Kundschaft durch einen weniger qualifizierten Durchzugstourismus ersetzt werden würde. Die STE erklärte, verhindern zu wollen, dass am Ritten die selbe Erfahrung wie bei der Mendel gemacht werde. Dort hatte sich die Eröffnung einer Straße und die Einrichtung einer Busverbindung mit Sankt Michael angeblich nachteilig ausgewirkt: Gruppen von Wanderern hatten in kurzer Zeit die gehobene Kundschaft verdrängt und damit den Niedergang des Tourismus am Gebirgspass eingeleitet.

 Tatsächlich erwies sich die Idee einer ausschließlichen Bahnverbindung sowohl in Wengen als auch in Zermatt als erfolgreich und die Isolation des Rittens wurde auch vom örtlichen Tourismusverband gepriesen, einer faschistischen Institution die 1926 ins Leben gerufen wurde. In der hier abgebildeten Broschüre aus der Zeit des Faschismus, die sich an deutsche Touristen wendet, heißt es: „Für den jedoch, der absolute Ruhe sucht, sei noch hinzugefügt, dass bis heute noch keine Autostraße, überhaupt keine grössere Verkehrsstrasse über den Ritten führt, dass man hier also in des Wortes wahrster Bedeutung ozonreiche, reine Bergluft und tiefste Waldesstille geniessen kann und das in unmittelbarster Nähe der beiden grössten Städte des Oberetsch – Bozen und Meran – und an der direkten Bahnstrecke Berlin- München-Bozen!“.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der STE und den Behörden ergaben sich aus der Tatsache, dass letztere eine Straße, die das Plateau für eine größere Anzahl von Menschen zugänglich machte, als Grundlage für ein politisches Projekt zur Italianisierung des Rittens betrachteten. Die Aktionäre der Eisenbahn, die in dem Dokument sehr darauf bedacht sind, ihre Achtung vor dem Faschismus immer wieder zu betonen, versichern dem Ministerium, dass nicht die Straße, sondern vielmehr der nationale Tourismus zum Erfolg einer Italianisierung des Plateaus beitragen werde. Das Memorandum betont, dass die stets wachsende Kolonie italienischer Urlauber bereits mehr als doppelt so groß als die „fremdstämmige“ Wohnbevölkerung sei, was den Ritten folglich bereits Italienisch mache. Die STE fügt jedoch hinzu, dass dies nur für die Sommersaison gelte und dass der Ritten während des restlichen Jahres hauptsächlich von ausländischen Touristen besucht werde, die sich aber ebenfalls dem Bau einer Straße widersetzen.

Die hier beschriebene Quelle veranschaulicht wie sich die Evolution des Verkehrssystems auf die Entwicklung des Tourismus in bestimmten Gebieten des Alpenraumes ausgewirkt hat. Die 1907 auf Initiative der wohlhabenden Sommerurlauber errichtete Verbindung zwischen Bozen und Klobenstein leitete die Ära des Tourismus auf dem Ritten ein. Auf regionaler Ebene hingegen spielte die Brennerbahn, das Transportmittel für Besucher aus dem Norden, eine entscheidende Rolle. Die immer aktuelle Suche nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen verschiedenen Tourismusformen nahm während des Faschismus besondere Bedeutung an. Auf der einen Seite konzentrierten sich die Behörden weiterhin auf den gehobenen ausländischen Tourismus, sowohl für den Zustrom von Hartwährung als auch für die Wiederbelebung des Italienbildes im Ausland. Gleichzeitig wurde vor allem in neu annektierten Gebieten wie Südtirol ein oft weniger exklusiver nationaler Fremdenverkehr gefördert, der (auch) das Ziel hatte, zur Italianisierung der Bevölkerung beizutragen.

 

Weiterführende Literatur:

G. Denoth, K. Demar, W. Schiendl, Zwischen Erdpyramiden und Schlern: die Rittnerbahn – Schmalspurbahn am Berg, (Innsbruck: Verkehrsarchiv Tirol, 2017).

M. Pizzinini, “Die Bahn erschließt die Fremdenverkehrslandschaft Tirols”, in: W. Mitterer (Hrsg.), Weichen und Wahrzeichen. Bahnlandschaft Bozen – Innsbruck, (Bozen: Athesiadruck, 2007), pp. 104-133.

E. Tizzoni, “Politica e turismo in epoca fascista tra centro e periferia”, Ricerche di storia politica. Quadrimestrale dell'Associazione per le ricerche di storia politica, 2017, (2), pp. 147- 167.

 

 

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