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Das Matteotti-Denkmal in Bozen
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Der Faschismus wird zum Regime

Mord am sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti

Der Mord am sozialistischen Kammerabgeordneten Giacomo Matteotti durch faschistische Squadristen am 10. Juni 1924 in Rom gilt als der Beginn der Diktatur Mussolinis in Italien. Matteotti – seine familiären Wurzeln reichen ins Val di Pejo im Trentino – hatte sich unter anderem für Südtirol eingesetzt und zunächst die faschistischen Manipulationen im Zuge der Parlamentswahlen vom April 1924 offen angeprangert. Sein Verschwinden und seine Ermordung sorgten nicht nur für einen Stimmungswandel in der italienischen Bevölkerung, sondern wurden auch im Ausland aufmerksam verfolgt, obwohl die Pressetelegramme der Korrespondenten zunächst einer Zensur unterworfen waren.

Der britische The Guardian schreibt wenige Tage nach dem Verschwinden von Giacomo Matteotti am 14. Juni 1924:

„Der Hauptgrund für das Verbrechen dürfte darin liegen, dass Matteotti im Besitz kompromittierender Dokumente politischer oder finanzieller Natur war. In seiner heutigen Rede hat Herr Mussolini zwar volle gerichtliche Aufklärung zugesichert, aber auch gesagt, dass die Arbeit der Befriedung fortgesetzt werden muss und dass die Opposition dieses schreckliche Ereignis nicht für parteiliche Interessen nutzen darf. Man wird vom Ministerpräsidenten erwarten, dass er seinen Worten Taten folgen lässt. Wie der rechtsliberale ‚Giornale d'Italia‘ schreibt, hat er die Wahl, entweder durch einen Akt unparteiischer Gerechtigkeit großes Vertrauen zu gewinnen oder – sollte er Schwäche zeigen – die Unterstützung des Volkes zu verlieren.“

Die New York Times hingegen analysiert am 6. Juli 1924 die „Fehler der Regierung“: 

„Der erste schwerwiegende Fehler der Regierung unmittelbar nach dem Verbrechen war, die Auswirkungen nicht sofort zu erkennen, die dieses nicht nur in Italien, sondern auch in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten haben würde. Dadurch verzögerten sich die Untersuchungen, obwohl die Polizei schnell und gut arbeitete, sobald sie schließlich damit beginnen konnte. Erst am 29. Juni aber reichten die Minister und Staatssekretäre ihre Rücktritte ein, um der Regierung freie Hand zu lassen.

Der zweite Fehler, vielleicht eine Fehleinschätzung, war die Einführung der Zensur im Telegraphenverkehr. 48 Stunden lang, vom 12. bis 16. Juni, wurden alle ausgehenden Pressemeldungen zurückbehalten. Dann durften für weitere fünf Tage nur diejenigen passieren, die sich auf die bloßen Fakten zu den Verhaftungen und die Maßnahmen gegen die Demonstrationen in verschiedenen Städten bezogen. 

Das Ergebnis dieser Zensur war, dass die kommunistischen Kräfte in Paris und London aktiv wurden und alle möglichen Geschichten in Umlauf gesetzt und in die Vereinigten Staaten übermittelt werden konnten. Diese sind auch an dieser Stelle abgedruckt worden, weil das Schweigen Roms die schlimmstmögliche Auslegung der Situation vermuten ließ. Ausländische Kommentare verstärkten die Welle des antifaschistischen Misstrauens in Italien.“

Erst in einer Rede vom 3. Jänner 1925 in der Abgeordnetenkammer übernahm Mussolini die Verantwortung für den Mord. Das Verbrechen an Giacomo Matteotti markiert einen Wendepunkt in der Politik des „Duce del Fascismo“, der zuvor noch Wert auf ein gewisses Maß an Zusammenarbeit mit den parlamentarischen Institutionen gelegt hatte. 

13.06.2024 - Maria Pichler

 

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