Vor 100 Jahren

Das Längsprofil eines Hanges mit den von der Eisenbahn überquerten Abstufungen

Technologietransformationen im Alpenraum: Die Überwindung der Berge – das Konzept früher Gebirgseisenbahnen

Die HISTOREGIO Quelle des Monats April trägt den Titel “Über Gebirgseisenbahnen” und wurde vom Transportpionier Luigi (oder Alois) Negrelli 1842 verfasst. Er vertritt bereits im Untertitel der kleinen Broschüre die aus damaliger Sicht “bahnbrechende” These, dass es technisch möglich sei, Eisenbahnen “mit Anwendung der gewöhnlichen Dampfwägen als bewegende Kraft über Anhöhen und Wasserscheiden” anzutreiben. Negrelli, ein aus Primiero im heutigen Trentino stammender Ingenieur, strebte mit seinen Projekten die Schaffung eines europäischen Eisenbahnnetzes mit den Alpen als Mittelpunkt an.

Negrelli (1799-1858) hatte zunächst in der Schweiz begonnen sich mit Eisenbahnen zu beschäftigen, wo er als Oberingenieur der Züricher Kaufmannschaft mit der Untersuchung der Trasse einer Eisenbahnstrecke zwischen Zürich und Basel beauftragt wurde. Um jegliche Zweifel über die Wirksamkeit der mechanischen Traktion auszuräumen, unternahm Negrelli 1836 eine Studienreise in jene Länder, in denen Eisenbahnen bereits gelebte Realität waren: Frankreich, England und Belgien. Als er 1838 in die Schweiz zurückkehrte, veröffentlichte Negrelli einen Reisebericht, in dem er nicht nur die Unentbehrlichkeit der Eisenbahnen für Industriestaaten erklärte, sondern auch das Thema der Eisenbahn in Berggebieten behandelte. Laut Negrelli waren die wichtigsten Alpentäler, die Dank der durchziehenden Flüsse einen nivellierten Boden hatten, ideal für den Bau von Eisenbahnen. Diese Eisenbahnen hätten jedoch die Alpenpässe nicht überquert, sondern wären unterbrochen geblieben um Straßen und anderen "zweckmäßigeren Einrichtungen" Platz zu machen. Bergübergänge wie der Brennerpass markierten daher seiner Meinung nach das Ende der verschiedenen Bahnsysteme.

Wenige Jahre später, 1842, veröffentlichte Negrelli in Wien "Über Gebirgseisenbahnen". Einige Zeit zuvor, 1840, war er als Angestellter des Privatunternehmens Kaiser Ferdinand Nordbahn nach Österreich zurückgekehrt. Die Eisenbahnen erlebten inzwischen einen großen Entwicklungsschub und die Planung der Semmeringbahn, der ersten Bergbahn der Welt, begann 1841 unter der Leitung von Karl von Ghega. Negrelli gestand sich in seiner Broschüre selbst ein, dass sich seine Perspektive in nur vier Jahren radikal verändert hatte. Angespornt vom Wunsch die verschiedenen europäischen Eisenbahnstrecken zu verbinden und vom völligen Ausbleiben von Fortschritten in dieser Hinsicht, zielten seine Studien nun auf eine Methode zur Überquerung der Berge ab. Negrelli machte sich daran, "die Theorie der Kehrungen zur Fortschaffung von Lasten auf Fußsteige, Saumwege und Kunststraßen" auf die Schiene anzuwenden. Sein Vorschlag war es, Kehrungen zu schaffen, das heißt Rampen, die an den Enden mit Kehrplätzen ausgestattet waren. In diesen sollte der Zug mit einer Lokomotive mit Traktions- und Schubfunktion umkehren können, um somit Steigungen zu überwinden. Vier Zeichnungen begleiteten den Beschreibungstext der angedachten technischen Maßnahmen: der Querschnitt eines hypothetischen Tals, zwei Abbildungen der Anordnung der Kehrungen und das Längsprofil eines Hanges mit den von der Eisenbahn überquerten Abstufungen.

Der Vorschlag Negrellis blieb nicht ohne Kritik, die sich insbesondere gegen die zu hohen Kosten richtete. Um an der Spitze einer Kehrung anzuhalten, musste der Zug seine gesamte Geschwindigkeit drosseln um sie dann entlang der nächsten Kehrung wieder zurückzugewinnen und so weiter. Ein weiterer Grund für einen starken Anstieg der Kosten lag darin, dass jeder Kehrplatz einen eigenen Wächter erforderte, und dass die Gesamtlänge der Eisenbahn, im Vergleich zu einer untertunnelten Strecke, bedeutend zunahm. Darüber hinaus war nach Ansicht der Kritiker die Anzahl der Berghänge, die sich für eine solche Konstruktion eigneten, äußerst gering. Die Verwendung von solchen „Kehrungen“ war zweifellos teuer und in der Habsburger Monarchie wurden diese technischen Maßnahmen nur einmal, in der 1915/16 erbauten Grödner Bahn umgesetzt, wo sie die Überwindung der Steigung von Sankt Christina ermöglichte. Die wichtigste Anwendung der Kehrungen fand in Peru statt, wo der amerikanische Ingenieur Henry Meiggs sie 1870 zur Überquerung der Anden auf dem Abschnitt Lima - La Oroya nutzte und somit die Umsetzbarkeit von Negrellis Idee demonstrierte.

Die hier vorgestellte HISTOREGIO Quelle des Monats "Gebirgseisenbahnen" unterstreicht vor allem Negrellis Weitblick. Der Ingenieur hatte erkannt, dass die Entwicklung des Transportwesens ein enormes Potenzial barg, welches, sobald es ausgeschöpft wurde, allen Völkern zugutekommen würde. Um seine Vision zu verwirklichen, war die Transformation der verschiedenen europäischen Bahnstrecken von "unzusammenhängenden Bruchstücken", wie er sie bezeichnete, zu einem über den ganzen Kontinent verteilten Schienennetz, notwendig. Die Alpen standen als Verbindungsstück im Mittelpunkt des Verkehrssystems das Negrelli anstrebte. Die hier geplanten neuen Verkehrswege sollten die verschiedenen Regionen Europas stärker vernetzen, indem sie den Warenaustausch und die Mobilität von Reisenden erleichterten. Dabei hätte seine Heimat Tirol eine besondere Rolle spielen und Mitteleuropa mit der Adria, der Donau und dem Bodensee verbinden sollen. Bereits 1837 führte Negrelli Studien für eine Tiroler Eisenbahn entlang des Unterinntals durch, für welche die Zeit allerdings noch nicht gekommen war. 1850 war Negrelli an den Vorarbeiten der Innsbruck-Kufstein- und der Verona-Bozen Strecke beteiligt, die nach seinem Tod 1858 bzw. 1859 eingeweiht und 1867 durch den Brenner vereint wurden.

 

Weiterführende Literatur:

Ch. F. Deihsen,  Alois Negrelli Ritter von Moldelbe, ein Österreichischer Eisenbahnpionier des 19. Jahrhunderts. Seine Leistungen und Verdienste um die Entwicklung des Eisenbahnwesens im Österreichischen Kaisertum und in der Schweiz bis 1858, Dissertation, Wien, 1993.

A. Leonardi, Luigi Negrelli, un protagonista del take-off ferroviario in area mitteleuropea, in “Historie des Alpes – Storia delle Alpi –  Geschichte der Alpen”, 2016, 21, pp. 195-214. 

L. Negrelli, Ausflug nach Frankreich, England und Belgien zur Beobachtung der dortigen Eisenbahnen, mit einem Anhange über Anwendung von Eisenbahnen in Gebirgsländern, Frauenfeld, Beyel, 1838.

 

Die Quelle des Monats ist unter diesem Link online einsehbar.

https://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/209231

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