Vor 100 Jahren

Carl von Czoernig, Ethnographische Karte der Oesterreichischen Monarchie, Wien 1856. © ÖAW/Sammlung Woldan

Nationalitätenkonflikt: Carl Freiherr von Czoernig und eine Ethnografie der Habsburgermonarchie

Die HISTOREGIO-Quelle-des-Monats Juni stellt eine Karte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts dar, deren Anspruch es war, die Siedlungsgebiete der verschiedenen Ethnien in der Habsburgermonarchie zu visualisieren: Die von Carl Freiherr von Czoernig (1804–1889) gefertigte "Ethnographische Karte der oesterreichischen Monarchie" war ein wichtiges Anschauungsobjekt für den Vielvölkerstaat.

„Alle Hauptstämme der Bevölkerung Europa’s begegnen sich in dem Umfange des Reiches, bilden hier compacte Massen, durchdringen dort in verschiedenster nationaler Färbung einander …“ (Carl Freiherr von Czoernig, Ethnographie der österreichischen Monarchie, Bd. 1/1, Wien 1857, Vorrede)

Die k.k. Direktion der administrativen Statistik

Die Datenerhebung für ein solch großräumiges Kartenprojekt wie jenes der ethnographischen Karte war enorm aufwendig: Fragebögen, die an alle unteren Verwaltungsbehörden der Monarchie versandt wurden, sollten durch Befragungen vor Ort ergänzt werden und gegebenenfalls zu einer Überarbeitung („Revision“) der bereits erhobenen Daten führen. Diese Vorgehensweisen stellten der k. k. Direktion der administrativen Statistik in Wien vielfältige Informationen über die verschiedensten Verhältnisse in der Monarchie zur Verfügung, wenngleich Czoernig im Fall der ethnographischen Karte nicht in direktem staatlichen Auftrag handelte.        
Für sein Monumentalwerk, die dreibändige Ethnographie der österreichischen Monarchie (zwischen 1855 und 1857 erschienen), deren Ausführungen sich in der ethnographischen Karte visuell wiederfinden, waren Czoernig und seine Mitarbeiter dreizehn Jahre lang damit beschäftigt, die „Nationalität der Bewohner eines jeden einzelnen Ortes“ festzustellen. Was er genau unter dem Begriff verstand, wird nicht ganz deutlich. Auf jeden Fall lagen die Grenzen seiner kartografischen Darstellungsweise nach eigener Auskunft darin, nur jene Gebiete der Monarchie detailgetreu wiedergeben zu können, die relativ eindeutige Besiedlungsstrukturen aufwiesen: Die Verhältnisse in Ungarn wurden mithilfe von Schematismen der Geistlichkeit rekonstruiert. Zu inhomogen seien diese Länder, in denen sich „die Nationalitäten in buntester Mischung durchdringen.“

Die Darstellung nationaler Räume in einer Grenzregion

Czoernig verstand sein Kartenwerk in Abgrenzung zu früheren, ähnlich gelagerten Karten, dezidiert als eine „ethnographische“ und nicht als eine „Sprachenkarte“. Er schließt somit in gemischtsprachigen Gebieten die Kategorie Sprache als alleiniges Bestimmungsmerkmal von Nationalität aus. An dieser Stelle wird jedoch die Widersprüchlichkeit seines zugrunde gelegten Nationsbegriffes offensichtlich: Wenn wir einen Blick auf die Legende der „ethnographischen Karte“ werfen, versammeln sich dort „Sprachstämme“, die Czoernig wiederum in vier Großgruppen unterteilt: „Deutsche“, „Slaven“, „Romanen“ und „Asiatische Stämme“.   
In der Region Tirol finden sich die Hauptkategorien der „Deutschen“ und „Romanen“: In leichten Rot- bzw. Rosatönen gehalten sind jene Gebiete Tirols markiert, die von einer mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung besiedelt wurden. In Gelbtönen sind hingegen jene Bereiche abgebildet, die von überwiegend italienisch-sprachigen Siedlungen geprägt waren. Die ladinischsprachigen Tiroler finden sich in einem abgeschatteten Gelb wiedergegeben und damit als „Romanen“ identifiziert.

In einer Traditionslinie mit Joseph Rohrer (vergleiche dazu die erste HISTOREGIO-Quelle-des-Monats von Dezember 2018) weist er den verschiedenen „Nationalitäten“ im Sinne einer natürlichen Ordnung auch Eigenschaften zu, die sie in Verbindung bringen mit den von ihnen besiedelten Gebieten: In den sogenannten „Alpenländern“ siedelten so nach Czoernig ausschließlich deutsche Stämme, während etwa in der Puszta-Ebene der „asiatische Stamm“ der Magyaren seine angestammte Heimat fand.  
In seinem Spätwerk, einer ethnographischen Abhandlung über „Die alten Völker Oberitaliens“ (1885), verweist Czoernig auf seine drei Jahrzehnte zuvor erschienene ethnographische Karte und ihre Darstellung, die historisch zu begreifen sei: „Wird die gelbe Oberfläche [welche die Siedlungsgebiete der ‚Romanen‘ wiedergibt], gleich einer Decke, abgehoben, so gewahrt man darunter mit voller Deutlichkeit die Nachkommen der verschiedenen Völkerschaften, welche in historischer Zeit das Land besetzt hielten.“

Czoernigs Werk im Kontext der Publizistik

Das Werk und die Deutungen Czoernigs wurden insbesondere nach der italienischen Einigung von Seiten italienischer Publizisten heftig angegriffen. Sein 1873 im ersten Band erschienenes Werk „Görz, Oesterreich’s Nizza“ hingegen stellt unter anderem eine direkte historiografische Antwort auf das Werk des italienischen Senators Cte Prospero Antonini („Il Friuli orientale“) dar, welcher wiederum Görz als historischen Teil von Friaul, damit Italiens, begriff.           
Czoernigs Ausführungen und Darstellungen, die im Kontext einer sich entwickelnden und modernisierenden Staatswissenschaft des 19. Jahrhunderts zu sehen sind, verarbeiteten unzählige neu gewonnene „Datensätze“. Die genauen Erhebungsmethoden wären jedoch noch Gegenstand weiterer Forschungen. In der Verarbeitung und Veröffentlichung der Umfragen, Volkszählungen und Befragungen bot sich ein neuer diskursiver Spielraum, in dem bald pro-gesamtösterreichische und nationalistische Protagonisten der „Slaven“, „Romanen“ und „asiatischen Stämme“ um die Deutungshoheit der erhobenen „Daten“ ihre Federn kreuzten.           

Weiterführende Literatur:

Czoernig von Czernhausen Karl Frh., in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL) Bd. 1 (1957), S. 164.

Karl Czoernig fra Italia e Austria (atti del Convegno di Studio su Karl von Czoernig nel Centenario della Morte, Gorizia, 15 dicembre 1989) (Fonti e studi di storia sociale e religiosa 8), Gorizia 1992.

Hans Goebl, Ein ethnopolitisch brisanter Brief des Statistikers Carl von Czoernig an den österreichischen Kultusminister Karl von Stremayr aus dem Jahr 1873, in: Ladinia XXXII (2008), S. 19–49.

Wolfgang Göderle, Zensus und Ethnizität. Zur Herstellung von Wissen über soziale Wirklichkeiten im Habsburgerreich zwischen 1848 und 1910, Göttingen 2016.

Abbildungen:

Czörnig, Karl von, Ethnographische Karte der Oesterreichischen Monarchie, Wien 1856.
http://sammlung.woldan.oeaw.ac.at/layers/geonode:ac03793289_czoernig_oesterreich_1856, zuletzt eingesehen am 13.06.2019.

Bei der Abbildung wurden grafische Änderungen durchgeführt (in Form einer Nahaufnahme).

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Mag. Alexander Piff, Bakk. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und befasst sich im Rahmen des HISTOREGIO-Projektes mit Nationalisierungsprozessen im historischen Tirol.

https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/mitarbeiterinnen/projekt/piff_alexander/

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