Vor 100 Jahren

Paul von Sternbach und Karl Tinzl
Fotos: Wikipedia

Gewaltvoller Wahlsonntag

Faschisten hindern Wähler mit Gewalt an der Stimmabgabe

Am 6. April 1924 fanden die ersten Parlamentswahlen nach dem „Marsch auf Rom“ statt. Durch ein neues Wahlgesetz wollte Ministerpräsident Benito Mussolini seine Macht festigen. Einschüchterungen, Gewalt und Zusammenstöße prägten den Wahlkampf in Italien und in Südtirol. Auch am Wahltag selbst kam es zu Ausschreitungen, wie der Pustertaler Bote am 11. April 1924 vom Wahlsonntag in Bruneck berichtet: 

„Freunde der Regierung bestätigten den unbedingten Willen Mussolinis, die größte Freiheit bei den Wahlen sicherzustellen und Gewalttätigkeiten insbesondere in den Grenzgebieten zu vermeiden, da dort die besondere Lage große Delikatesse verlange. […]

Die Wahlen in Bruneck nahmen einen Verlauf, wie man von verschiedenen Seiten gefürchtet hat, aber nicht gedacht hätte. Wie einleitend gesagt, ist von Sr. Exzellenz dem Ministerpräsident[en] Mussolini Wahlfreiheit proklamiert worden. Die erste Stunde der Wahl vollzog sich in größter Ruhe und Ordnung und die Faschisten von hier und jene von auswärts gekommenen störten den Wahlgang nicht. Als aber Herr Josef Neuhauser, der Obmann des Bezirksverbandes der deutschen Parteien[,] vom Wahllokale weg sich zu Herrn Bürgermeister begeben wollte, wurde er von Faschisten auf der Straße überfallen und verprügelt. […]

Die am Eingange zum Magistratsgebäude postierten Faschisten verwehrten unter Androhung von Prügel den Wählern den Zutritt zum Wahllokale – Bauernburschen und ältere Leute, die am Graben standen oder von der Klosterkirche kamen, schlug man blutig, anderen wurden die aufgespannten Regenschirme eingeschlagen. Trotzdem und [trotz]der zahlreichen abgegebenen Schreckschüsse verhielt sich die Stadt- und Landbevölkerung ruhig und diesem besonnenen Verhalten war es zu danken, daß diese Ausschreitungen keinen größeren Umfang angenommen haben. Es dürften gegen 30 Verletzte gewesen sein. 

Unter solchen Umständen überlegten es sich die Wähler zum Wahllokale zu kommen. […] Einige Wähler versuchten 3 bis 4 Mal zur Wahl zu kommen, sie kamen aber nur bis zum Eingangstor des Magistratsgebäudes. So kam es, daß in Bruneck 323 Stimmen für die Wahl verloren gingen. […]

Herr Baron Sternbach wurde ebenfalls in seinem Hause, in Uttenheim, am 6. ds. [dieses Monats] nach dem Gottesdienst, von Faschisten, die von Bruneck hineingefahren waren[,] überfallen und verprügelt. […] Was in dieser Angelegenheit weiter geschieht, muß abgewartet werden. […]“

 

Trotz allem erhielt der Deutsche Verband insgesamt 83 Prozent der Südtiroler Stimmen und entsandte Paul von Sternbach und Karl Tinzl in das Parlament. Im Nachgang der Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti am 10. Juni 1924 – dieser hatte es gewagt, die faschistischen Wahlmanipulationen anzuprangern – erringt der Faschismus endgültig die Macht und Mussolini wird zum Diktator. 

 

04.04.2024 - Maria Pichler

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