Vor 100 Jahren

Arbeiter im Montecatini-Werk in Sinich
Südtiroler Landesarchiv, Bildarchiv Sisti Sisto (010)

Das Montecatini-Werk in Sinich

Kurort wehrt sich gegen die Ansiedlung einer Stickstofffabrik

Die Società Generale per l’Industria Mineraria e Chimica – kurz: Montecatini – begann in den 1920er Jahren mit der verstärkten Herstellung von Kunstdünger. Die steigende Nachfrage nach Düngemitteln war einer massiven Förderung der italienischen Landwirtschaft vonseiten des faschistischen Regimes geschuldet, das Italien unabhängig von Getreideimporten machen wollte. 

Aufgrund des hohen Energiebedarfs bei der Produktion streckte Montecatini seine Fühler nach Südtirol – genauer nach Meran und seinem Umland – aus, wo eine mögliche Nutzung der vorhandenen Wasserkraft (Werke Marling, Töll und Schnals) für den Betrieb der Maschinen einen Standortvorteil darstellte. Dies führte zu stürmischen Protesten insbesondere vonseiten der Vertreter der Fremdenverkehrswirtschaft, wie die Meraner Zeitung am 4. Juni 1924 berichtet: 

„Wir legen unserer heutigen Stadtauflage als Beilage einen Aufruf des Aktionskomitees an die Bevölkerung bei.

Von der in Mailand weilenden Deputation des Aktionskomitees ist die erfreuliche Nachricht gekommen, daß Montecatini geneigt ist, die geplante Stickstoffabrik irgendwohin zu verlegen, wo unsere Kurortsinteressen es wünschenswert erscheinen lassen, doch müßte der Kurort für die bezüglichen Mehrkosten aufkommen. Es ist deshalb dringend notwendig, daß alle an der Existenz des Kurortes interessierten Kreise, wie Hoteliers, Kaufleute, Hausbesitzer, Gewerbetreibende, Landwirtschaft usw. sich sofort zusammenschließen, um die nötige, nicht kleine Summe aufzubringen, die uns von der Gefahr, welche die Errichtung einer Stickstoffabrik in unserem Gebiete mit sich bringt, ein für alle Mal befreit. Dabei möge nicht auf eine halbe, sondern auf eine gründliche Lösung hingearbeitet werden, denn eine Situierung der Fabrik z. B. am Sinnich oder in der Marlinger Au beseitigt keineswegs die moralischen Gefahren für unseren Kurort (Negative Reklame).

Wir sind überzeugt, daß die so oft bewährte Opferwilligkeit der Meraner auch in diesem für uns lebenswichtigen Momente nicht versagen wird, und daß die notwendige Summe in kürzester Zeit aufgebracht wird. 

Da die Zeit drängt, müßten die Ausschüsse der betreffenden Korporationen schnellstens tagen, damit vor Freitag abends, an welchem Tage die große Delegiertenversammlung tagen wird, die bezüglichen verbindlichen Beschlüsse bereits vorliegen.“

Nach langen Verhandlungen und heftigen Kontroversen wurde im September 1924 mit dem Bau des Werkes und einer dazugehörigen Siedlung für Arbeiter und Angestellte in Sinich südlich von Meran begonnen. Mit dem späteren faschistischen Industrialisierungsprogramm hatte die Ansiedlung des Montecatini-Werkes im Burggrafenamt aber vorderhand nichts zu tun, vielmehr waren hierbei wirtschaftliche Gesichtspunkte entscheidend.

1966 übernahm Edison den Montecatini-Konzern und fusionierte zur Montedison AG. Heute stehen anstelle des alten Werks die Produktionsanlagen der Firma MEMC.

 

06.06.2024 - Maria Pichler

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