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Arbeiterfamilien im Krieg - DE

Dr. Angelika Willis, Universität Innsbruck

Im Ersten Weltkrieg verschlechterte sich die schon vor Kriegsausbruch ungünstige Lebenssituation der Arbeiterfamilien in Tirol sehr. Warum?
Die als Soldaten eingerückten Männer fielen als Verdiener aus. Vele Frauen, die besonders in der Textilindustrie gearbeitet hatten, verloren ihre Stellen wegen Betriebsschließungen. Zu einer Zeit, als es noch keine staatliche Arbeitslosenversicherung gab, war Arbeitslosigkeit existenzbedrohend. Zwar zahlte der Staat an die Familien der eingerückten Männer einen so genannten „Unterhaltsbeitrag". Dieser war aber nur sehr gering und lag meist weit unter den vorher bezogenen Löhnen. Überdies verzögerte sich die Auszahlung häufig.
Arbeiterkinder galten zu dieser Zeit als erwachsen, wenn sie in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Im Krieg wurden beispielsweise 14- bis 18-jährige Jugendliche massiv dem Arbeitsprozess zugeführt. Somit wurden sie ebenso ausgebeutet wie die erwachsenen Arbeitskräfte. Sogar Kinderarbeit war in den Munitionsfabriken des Ersten Weltkriegs gang und gäbe. Da viele Männer zum Militär eingezogen waren, hatte auch die Jugend zum Familieneinkommen beizutragen.
Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn wurden die Schulkinder zu gemeinnützigen Tätigkeiten (z.B. Sammelaktionen von Altmetall, Mädchen: Anfertigung von Wäsche für die Soldaten) und zu Arbeiten in der Landwirtschaft herangezogen. Einerseits wurde die Arbeitskraft der Kinder dringend benötigt. Andererseits mussten sie angesichts des eingeschränkten Schulbetriebes - viele Schulen waren zu Lazaretten oder Kasernen umfunktioniert worden - beschäftigt werden.
Das wohl größte Problem für die Arbeiterfamilien Tirols war der harte Verteilungskampf um die immer weniger und seltener zugewiesenen Lebensmittel. Hunger war an der Tagesordnung. Trotzdem musste teils schwere körperliche Arbeit geleistet werden. Die Tiroler Bevölkerung konkurrierte sowohl untereinander als auch mit der Bevölkerung anderer Kronländer um die immer knapper werdenden Nahrungsmittel. Der Krieg konnte nicht ausreichend vorbereitet werden. Dies wirkte sich nun verheerend aus.
Die Ausgangslage war in Tirol denkbar schlecht. Das Land war schon zu Friedenszeiten wirtschaftlich nicht autark gewesen und galt als ausgesprochenes Einfuhrland, etwa von Mehl und Getreide. Im Krieg verschlechterte sich die Situation nun zunehmend aufgrund des Arbeitskräftemangels sowie der massiven Truppenstationierungen im Land.
Seuchen traten im Kriegsverlauf in Tirol hauptsächlich im südlichen Landesteil auf. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Rachitis waren hingegen im ganzen Land am Vormarsch. Hinzu kamen zahlreiche andere Leiden, welche von den Bedingungen im Krieg ausgelöst bzw. verstärkt wurden, wie zum Beispiel Nierenkrankheiten, Erkrankungen der Verdauungsorgane und Herzkrankheiten.
Zwischen den schlechten Arbeitsbedingungen, der unzureichenden Ernährungssituation und den miserablen Gesundheitsverhältnissen bestand ein ursächlicher Zusammenhang. Besonders die beengten und jämmerlichen Wohnverhältnisse der Arbeiterfamilien förderten die Verbreitung der „Spanischen Grippe", die in Tirol im November 1918 ihren Höhepunkt erreichte. Mindestens 1.500 Personen dürften daran gestorben sein. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft - Kinder sowie ältere Menschen - wurden durch die Einwirkungen des Krieges gesundheitlich in Mitleidenschaft gezogen. Schlimm war insbesondere die hohe Kindersterblichkeit im Land.
Eine weitere Auswirkung des Krieges war, dass sich den Arbeiterkindern vorher nicht gekannte Freiräume eröffneten, denn die soziale Kontrolle in den „vaterlosen" Arbeiterfamilien hatte sich merklich abgeschwächt. Aufgrund der fehlenden elterlichen Aufsicht bildeten sich lockere Jugendgruppen, deren Aktivitäten - die Jugendkriminalität war im Steigen begriffen - den Behörden rasch Sorgen bereiteten. Aus diesem Grund wurden nach Kriegsende verstärkte Anstrengungen zur Jugendfürsorge unternommen.

 

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