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Kriegsgefangene in Tirol während des Ersten Weltkrieges - DE

Mag. Corinna Zangerl, Universität Innsbruck

Vor 100 Jahren entbrannte ein Weltenkampf, dessen Nachwehen bis in die heutige Zeit spürbar sind. Der Erste Weltkrieg war ein Krieg der Superlative. Sei es an der Front oder im Hinterland, in den Jahren von 1914 bis 1918 wurde kriegstechnisch alles bis dato Bekannte überboten. Von den rund 73 Millionen eingezogenen Männern geriet nahezu jeder achte Soldat in Kriegsgefangenschaft und kehrte unter Umständen erst Jahre nach dem Krieg in seine Heimat zurück. Die Kriegsgefangenenlager der kriegführenden Staaten platzten aus allen Nähten. Allein in Österreich-Ungarn mussten zwischen 1,8 und 2,4 Millionen landfremde Soldaten untergebracht, verpflegt und medizinisch versorgt werden. Dieser Aufgabe war die österreichisch-ungarische Heeresverwaltung nicht immer gewachsen. Im Lager Mauthausen beispielsweise starben im Winter 1914/15 12.000 Kriegsgefangene an Typhus.
1915 begann sich die Lage dann allmählich zu entspannen. Die Kriegsgefangenenlager wurden ausgebaut und ein Teil der Gefangenen samt Wachmannschaften ins Innere der Monarchie entsandt. Dort sollten sie in Arbeiterpartien in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch beim Straßen-, Wasser- und Eisenbahnbau mithelfen. Innerhalb kürzester Zeit standen dann auch in Alttirol (Trentino, Süd- und Nordtirol) zwischen 20.000 und 25.000 Kriegsgefangene, vor allem Russen, im Arbeitseinsatz. Ein Großteil der Gefangenen arbeitete im Infrastrukturbereich. Bis zu 700 Mann waren beispielsweise beim Straßenbau im Pitztal (Bezirk Imst) und in Thiersee (Bezirk Kufstein) tätig. Auch bei der Inn- und Großachenregulierung kamen hunderte Kriegsgefangene zum Einsatz. Das Eisenbahnnetz wurde vielerorts mit ihrer Hilfe erweitert und saniert. Die Bahnstrecke zwischen Kitzbühel und Wörgl (Bezirk Kufstein) erhielt beispielsweise ein zweites Bahngleis.
Großbaustellen mit mehreren tausend Arbeitern befanden sich vor allem im heutigen Südtirol. So arbeiteten nahezu 6000 Kriegsgefangene zwischen 1915 und 1916 beim Bau der Grödnerbahn zwischen Klausen und Plan (Bezirksgemeinschaft Salten-Schlern) mit. Diese Bahnstrecke war als Nachschublinie für die Dolomitenfront von großer Bedeutung.
Kriegsgefangene durften laut der Haager Landkriegsordnung aus dem Jahre 1907 nicht zu Arbeiten herangezogen werden, die in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen standen. Dennoch wurden die landfremden Soldaten von den kriegführenden Staaten im Front- und Etappenraum als Träger und beim Stellungsbau eingesetzt - Österreich/Ungarn bildete hier keine Ausnahme. Die Kriegsgefangenen waren für den Staat billige Arbeitskräfte, doch mussten auch sie versorgt werden. Und das in einer Zeit, in der die eigene Bevölkerung Hunger litt.
Hier ein Beispiel: Gröden (Südtirol) war ein 4000-Seelendorf. 1915 befanden sich in der Ortschaft laut den Aussagen einer Zeitzeugin beinahe doppelt so viele kriegsgefangene Arbeiter wie Einwohner. Um das Brot für die nahezu 8000 Gefangenen zu backen, sei eine eigene „Russenbäckerei" errichtet worden. Doch im Laufe des Krieges wurden Lebensmittel immer knapper und ohne Mehl lässt sich bekanntlich wenig backen. 1917 berichtet dieselbe Zeitzeugin, dass die Russen schrecklich hungern und vor Schwäche zusammenbrechen würden. Mit nichts außer Kaffeewasser im Magen müssten die Gefangenen arbeiten und die Einheimischen könnten ihnen auch nichts mehr geben, da sie selbst nicht einmal mehr Kartoffeln besäßen. In Österreich müssten die Russen nun verhungern.
Ein großes Problem im Zusammenhang mit der Lebensmittelversorgung waren, neben dem fehlenden Saatgut und Dung, die fehlenden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Ein Großteil der Bauern und Knechte leistete nämlich Kriegsdienst. Bereits 1915 fürchteten einzelne Gemeinden, dass die Ernte auf den Feldern verfaulen müsse und baten um Zustellung kriegsgefangener Hilfsarbeiter.
Jenen Kriegsgefangenen, die in der Landwirtschaft tätig waren, erging es etwas besser als ihren Kameraden im Straßen- und Eisenbahnbau. Doch selbst hier wurden die Gefangenen mit zunehmender Kriegsdauer in die großen Stammlager zurückgeschickt, da sie nicht mehr versorgt werden konnten.
Die Regierung wurde der schlechten Versorgungslage nicht Herr. Ähnlich erfolglos war das Kriegsministerium hinsichtlich der Abschottung der Kriegsgefangenen von der Zivilbevölkerung. Der Kontakt zu den Einheimischen war unter Strafe verboten. Doch sichtlich unbeeindruckt von Geld- und Arreststrafen fanden sich immer wieder Zivilisten, die mit den Kriegsgefangenen Schwarzhandel trieben, ihnen Zivilkleidung und Essen zukommen ließen, oder gar Fluchthilfe leisteten.

 

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