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Die Herrschaft des Hungers - DE

Mag. Matthias König, Universität Innsbruck

Die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 bedeutete nicht nur den Beginn des großen Sterbens an der Front. Der Krieg veränderte auch den Alltag der Menschen im Hinterland und war in vielen Lebensbereichen spürbar. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr wuchs eine Auswirkung zu einer immer größeren Bedrohung an, die allmählich selbst die Meldungen über die Verluste an den Fronten dumpf zu überlagern begann: der Hunger.
In der Vorkriegszeit waren die k.u.k. Monarchie und auch Tirol ausreichend versorgt. Tirol konnte zwar selbst nicht genügend Nahrungsmittel herstellen, die fehlenden Mengen wurden aber durch Importe aus dem In- und Ausland ersetzt. Der Krieg zerstörte dieses System vollkommen. Die massenhafte Einberufung sorgte für einen immer größeren Arbeitskräftemangel in der Tiroler Landwirtschaft, deren Leistungsfähigkeit sich dadurch immer weiter verringerte. Auch die Importe fielen ab August 1914 immer geringer aus, da die Alliierten eine Wirtschaftsblockade verhängten und die k.u.k. Monarchie kaum in der Lage war, Nahrungsmittel aus dem Ausland einzuführen. Hinzu kam noch, dass Tirol nach dem Kriegseintritt Italiens viele Soldaten beherbergen musste, die sich aus den ohnehin geringen Vorräten der Zivilbevölkerung versorgte.
Schon sehr früh im Krieg versuchte die Regierung den Konsum durch die Herausgabe von Bezugskarten zu regulieren. Eine Person konnte nur mehr eine gesetzlich festgelegte - und meist sehr geringe - Menge an Gütern wie Brot, Milch, Fleisch, Eier oder Marmelade pro Tag kaufen. Aber selbst diese ohnehin schon niedrigen Quoten waren mitunter nicht erhältlich. Da bestimmte Nahrungsmittel nur in sehr geringen Mengen vorhanden waren, wurde frühes Aufstehen und stundenlanges Ausharren in Warteschlangen zu einer alltäglichen Prozedur. Zudem musste die Bevölkerung mit massiven Preiserhöhungen fertig werden. Beispielsweise stieg in Innsbruck der Preis von Eiern auf mehr als das Fünffache verglichen mit der Vorkriegszeit.
Auch die Qualität der Lebensmittel nahm immer weiter ab. So war bereits im Oktober 1914 nur noch sogenanntes „Kriegsbrot" erhältlich, das neben Roggen- oder Weizenmehl auch Mais- oder Kartoffelmehl und sogar Sägespäne enthielt. Der Mangel an Getreide verringerte die Qualität des Brotes im Jahr 1918 schließlich derartig, dass es beim Versuch, es in Stücke zu schneiden, regelrecht zerbröselte. Ein anderes Übel war die Vielzahl von chemisch hergestellten Nahrungszusätzen und Ersatzmittel, von denen viele lediglich die Funktion hatten, den Konsumenten zu täuschen. Beispielsweise war ein Ei-Ersatz erhältlich, der einen Farbstoff enthielt, der aus Teer gewonnen wurde. Die mit diesem Ei-Ersatz zubereiteten Mehlspeisen schmeckten seifig, färbten sich in Kontakt mit Säure rot und waren kaum zu genießen.

Trotz aller Versuche, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, wurde aus der Versorgungskrise eine regelrechte Hungersnot, da die Menschen über einen langen Zeitraum viel zu wenig zu Essen hatten. Die starke Mangelernährung über einen längeren Zeitraum schädigte besonders das Immunsystem. In der Folge wurden die Menschen zunehmend anfällig für alle Arten von Infektionskrankheiten an denen vor allem Ältere und Kinder häufig starben. Dies führte in einigen Städten der Monarchie, wie beispielsweise auch Innsbruck zu einem Bevölkerungsrückgang.

Krieg, Hunger und Tod hatten schließlich gravierende Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt der Bevölkerung. In Tirol kam es im April 1918 zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen, weil die Brotbezugskarten nicht eingelöst werden konnten. Viele Menschen vermuteten - häufig unbegründet - dass die Bevölkerung in anderen Landesteilen oder Städten besser versorgt wären. Misstrauen und Angst öffneten radikalen Ideen, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus Tür und Tor. Der Hunger vereinigte sich mit vielen anderen wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu einer Krise, die die Gesellschaft nachhaltig destabilisierte und den Boden für jene Entwicklungen bereitete, die in einem weiteren Weltkrieg gipfelten.

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