Annexion Südtirols

Eintragungsformular für Mitglieder des Athesinums
Veröffentlicht mit dem Statut des Institutes. "Athesinum": Istituto per l'incremento morale e materiale dell'Alto Adige, ohne Verlag und ohne Datum.

Grosse Ambitionen von kurzer Dauer: das Institut „Athesinum“

Die Quelle des Monats August stellt ein Eintragungsformular dar, welches für die neuen Mitglieder des „Athesinums“, dem „nationalen Institut für die moralische und materielle Entwicklung von Südtirol”, gedacht war. Das Institut wurde Ende des Jahres 1919 von Italienern in Bozen gegründet und in der Nachkriegszeit glaubte man, dass es dazu beitragen könnte, die Entwicklung der Region zu beeinflussen.

Schon ab den ersten Nachkriegstagen war die Militärbesatzung Südtirols von einer Umwandlungsarbeit im zivilen und ökonomischen Bereich begleitet. Am Anfang wurde diese Arbeit vor allem vom „Commissariato per la lingua e la coltura“ durchgeführt, das von Ettore Tolomei geleitet wurde.

In den ersten Monaten des Jahres 1919 begann eine Gruppe von in Bozen wohnenden, aber aus dem italienischen Königreich stammenden Leuten, an der Idee zu arbeiten, ein privates, „nationales Institut für die moralische und materielle Entwicklung Südtirols“ zu gründen, das „Athesinum“ heißen sollte. Die Gründung des Institutes, die erst im Dezember 1919 offiziell geworden wäre, wurde am Anfang des Sommers in vielen italienischen Zeitungen angekündigt. Dies geschah in der Hoffnung, viele private Finanzhilfen zu sammeln, die die Aufnahme der Tätigkeit ermöglichen bzw. erleichtern konnten.

Die Institutsziele wurden von den Begründern in vier grundlegende Punkte zusammengefasst: 1. die Analyse „der moralischen und materiellen Bedingungen“ der lokalen Bevölkerung; 2. das Zusammenleben unter „Einwohnern verschiedener Sprache und Rasse“; 3. der Schutz der armen Klassen; 4. die Entwicklung von jener „Touristen-und Bevölkerungsbewegung“, die das gegenseitige Kennenlernen zwischen Südtirol und anderen Regionen des italienischen Reichs fördern konnte. Vielleicht mit der Absicht, sich von Tolomeis Kommissariat zu unterscheiden, betonten die Projektträger des Athesinums bei jeder Gelegenheit, dass das Institut „eine nationale, nicht-nationalistische, italienische und nicht anti-deutsche Vereinigung war, politisch in dem Sinne, wie alle Vereinigungen, auch kommerzielle, über und außerhalb jeder Nation und jeder Partei stehend“.

Das Programm des Athesinums glich einer Art Werbekampagne für Südtirol, mit der man Kapital in die Region bringen wollte, um, noch vor einer kulturellen und sprachlichen Eroberung, eine wirtschaftliche Eroberung durchzuführen.

Sobald es die Genehmigung von der italienischen Regierung und kleine staatliche Finanzzuschüsse Ende 1919 bekam, begann das Institut, zahlreiche Initiativen zu organisieren. Im Dezember 1920 herrschte großer Enthusiasmus für die ersten Ergebnisse und großes Vertrauen für die Zukunftsaussichten des Instituts vor.

Am Ende des ersten Tätigkeitsjahres konnte das Institut Initiativen in den verschiedensten Bereichen aufzählen: Lösungen für neue Bahnstrecken wurden gesucht, der Gebrauch der Etsch als Binnenschifffahrtsgewässer evaluiert, Ausflüge aus dem italienischen Königreich nach Südtirol organisiert sowie ein Zeltlager für die universitäre Sektion des italienischen Alpenvereins in Gröden abgehalten. Weiters wurden eine Pressenstelle, ein Informationsbüro und ein Arbeitsamt eingerichtet, der Aufbau von Kontakten mit italienischen Wirtschafts- und Industrieeinrichtungen gefördert und die Gründung von Bibliotheken und von Italienischkursen in Angriff genommen.

Am Ende des Jahres 1920 schien das Athesinum eine Institution geworden zu sein, die einen entscheidenden Einfluss in Südtirol für sich geltend machen konnte. Und obwohl die Gründungsmitglieder sich bewusst waren, dass sie mit deutschnationalen Vereinen wie dem Andreas-Hofer-Bund/Tiroler Volksbund nicht vergleichbar waren, zeigten sie sich mit den 600 Beitritten, die im Laufe des ersten Tätigkeitsjahres stattfanden, zufrieden. Aber die Begeisterung verschwand schnell: Im Jahre 1921 nahm das Arbeitstempo des Institutes ab, nicht aus politischen Gründen – im Oktober 1920 war Südtirol offiziell von Italien annektiert worden –, sondern einfach wegen der eigenen Unfähigkeit der Gründungsmitglieder. Der Rechtsanwalt Gaetano Boscarolli, ein Mitarbeiter des Institutes, erklärte desillusioniert, dass das Athesinum „an der üblichen nationalen Krankheit“ leide, man einfach zu viel rede, „aber nichts Konkretes“ mache.

Nach der Meinung des Zivilkommissärs in Bozen war das Athesinum Ende 1921 „wie ein Zufluchtsort für die Parasiten der nationalen Frage geworden, die den guten Glauben von vielen Menschen der alten Provinzen missbrauchten.“ Außerdem schien der Generalsekretär des Instituts, Franco Ciarlantini (der bereits in der Quelle von Dezember 2019 erwähnt wurde), der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, nicht nur weil er Südtirol nicht kannte, sondern weil er auch kein Deutsch beherrschte.

Die großen Erwartungen an das Athesinum erwiesen sich also als illusorisch, die staatlichen Zuschüsse wurden nicht fortgeführt und das Institut verschwand nach wenigen Jahren endgültig von der Bildfläche.

Weiterführende Literatur:

Casimira Grandi (a cura di), Tirolo - Alto Adige - Trentino 1918-1920: Atti del convegno di studio Tirolo - Alto Adige - Trentino 1918-1920, Innsbruck, 6-8 ottobre 1988, Trento 1996.

Andrea Di Michele, Die unvollkommene Italianisierung: Politik und Verwaltung in Südtirol 1918-1943, Innsbruck 2008.

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Magda Martini

Historegio-Projekt: "Italien, Südtirol und der Pariser Frieden 1919: politische Haltungen, diplomatische Strategien und öffentlicher Diskurs". 

Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte - Freie Universität Bozen

Kontakt: magda.martini@unibz.it

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