Let’s reflect

Der Ausgang historischer Eeignisse wird häufig von einem Windstoß bestimmt, der den Zeiger auf dem Kompass der Zeit um 180 Grad wendet, oder von einem Sandkorn, das es zu einem gewissen Zeitpunkt vermag, einen Berg in die eine oder aber in die entgegengesetzte Richtung zu versetzen. Und das hat auch völlig andere Auswirkungen und Folgen auf alles, was danach geschieht. Nicht selten fungieren einzelne Menschen, Männer oder Frauen, als solche Windböen oder Sandkörner, sei es durch die Bedeutung ihrer Handlungen oder Ideen, oder – im Gegenteil – durch die Tatsache, dass ihre Ideen oder Handlungen wegen eines zufälligen Windstoßes oder eines kleinen Sandkorns KEINE Bedeutung erlangten. Es handelt sich dabei um Persönlichkeiten, die manchmal glorreich in die Geschichtsbücher eingegangen sind, meistens jedoch für uns fast oder ganz unbekannt geblieben sind. Man könnte es Ironie der Geschichte nennen.

„Unter hunderten Delegierten und tausenden Beratern, Sekretären und Schreibkräften, die zwischen Jänner und Juli 1919 nach Paris fuhren (Die Pariser Friedenskonferenz von 1919 war ein internationales Treffen, bei dem die Siegermächte des Ersten Weltkrieges die neue geopolitische Lage in Europa definierten und die Friedensbedingungen für die besiegten Mittelmächte festlegten. A.d.R.), waren auch Gertrude, Lawrence und Faisal. Regierungschefs, Außenminister, Präsidenten, Fürsten und Könige trafen per Schiff und Bahn ein. Hinzu kamen die Vertreter der Völker, die Nationen werden wollten, und der Nationen, die wissen wollten, wo ihre Grenzen verliefen …“

Die Tochter eines Stahlmagnaten aus Middlesbrough (Vereinigtes Königreich) Gertrude Margaret Lowthian Bell (1868-1926) war 37 Jahre alt, als sie an einem regnerischen und eiskalten Wintertag aufs Pferd stieg und mit einigen wenigen Dienern und einem Zelt ihre Reise begann, auf der sie Emire, Paschas, Scheichs, Erzbischöfe, Vertreter des Osmanischen Reiches, Maultiertreiber und Bauern traf. Sie lernte alle Sekten des multikonfessionellen zersplitterten Nahen Osten kennen, die sich oft gegenseitig bekämpften: orthodoxe und heterodoxe Muslime, Christen, Drusen und Jesiden. Sie reiste bis nach Damaskus, die „wahrhafte Hauptstadt der Wüste“ und dann faszinierte sie Baalbek, wo eine deutsche Expedition archäologische Ausgrabungen durchführte. „Das weiträumige Gelände mit Tempeln und Umschließungsmauer (…)“ berichtete sie, „wird nur von der Akropolis in Athen übertroffen“. Auf der Weiterreise besuchte sie die Stadt Homs, deren geschmückte Fassaden sie merkwürdigerweise an „die Fassade der Kathedrale in Siena“ erinnerte. Sie wurde von den Männern mit „Ihre Exzellenz“ angesprochen und gebeten, für sie in Konstantinopel ein gutes Wort einzulegen; sie boten ihr grandiose Abendessen und Schlafzimmer an, weil „zwischen Jordan und Euphrat das Wort „Gast“ heilig ist“. Auf der Durchreise besuchte sie Ritterburgen, assyrische Ruinen und römische Bauten. Sie unterhielt sich mit ihren Gästen über arabische Dichtung, fotografierte, kopierte kufische Inschriften. In ungefähr 600 Tagen legte sie mehr als 30.000 Kilometer zurück und erforschte Gegenden in Syrien, in Mesopotamien, in der Türkei, die noch keine westliche Frau gesehen hatte. Sie pflegte exzentrische Reisegewohnheiten: Neben dem Zelt für die Übernachtungen besaß sie ein zweites für ihre „Badewanne“ aus Zeltplanen, sie ritt zehn Stunden täglich – und zwar nicht im Damensattel, sondern in speziell für sie angefertigten Kleidungsstücken. Während sie auf dem Kamel ritt, hielt sie mit der freien Hand den Sonnenschirm oder ein Buch.

Sie sprach fließend Arabisch, lernte Fotografieren (die School of Historical Study der Newcastle University verwahrt 7.000 ihrer Fotografien), Epigraphik und Archäologie in der Hoffnung, unbekannte Schätze der Wüste zu entdecken, und hinterließ unzählige Unterlagen, Berichte und detaillierte Memoiren.

Im Laufe der Zeit erkannte Großbritannien das riesige Potential der Kenntnisse über Mesopotamien dieser extravaganten Dame. Der Erste Weltkrieg war fast zu Ende, das Osmanische Reich war zerfallen und zog das Interesse der Siegermächte auf sich. 1916 wurde Gertrude Bell von Winston Churchill zur Orientsekretärin in Bagdad ernannt. Die „Königin der Wüste“ engagierte sich mit all ihrer Kraft mit ihrer sehr pragmatischen und fairen Einstellung; trotdem wurden ihre Verdienste lange Zeit nicht gewürdigt. Über ihre weitgehend unbekannte diplomatische und politische Tätigkeit unterrichtet uns Federica Frediani, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der „Università della Svizzera Italiana“ mit Sitz in Lugano. Sie beschäftigt sich mit Reiseliteratur, mit Fokus auf die Reiseschriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Der Höhepunkt der diplomatischen Karriere von Gertrude Bell war ihre Beteiligung als Delegierte an der Konferenz, die am 21. März 1921 im Hotel Semiramis in Kairo unter der Leitung des damaligen Kolonialministers Winston Churchill stattfand und an der Lawrence von Arabien und eine unendliche Schar von Kolonialbeamten, Militärspitzen, Diplomaten, Historikern, Archäologen, Arabisten, europäischen Islamforschern, vor allem Engländer, teilnahmen. Am Verhandlungstisch saßen 39 Delegierte: 38 Männer und eine einzige Frau. Während der Konferenz wurde die Gebietseinteilung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reiches definiert. Insbesondere wurden die Grenzen des zukünftigen Staates Irak festgelegt und die Abkommen für dessen Verwaltung abgeschlossen. Die Kolonialmächte fällten von oben herab ihre Entscheidungen über die Zukunft von Mesopotamien und vernachlässigten aus politischen Gründen die Komplexität und Vielfalt der zahlreichen Stämme, die unter König Faisal zusammengezwungen wurden. Ohne jeglichen Respekt für die unterschiedlichen Religionen und Kulturen der Bevölkerung – die aus Schiiten, Sunniten und Kurden bestand – entschied Churchill, dass König Faisal alle regieren würde und gestand ihm eine Form der Autonomie zu, durch die Churchill immer noch Macht über diese Region ausüben konnte. Diese Strategie führte zu Konflikten, die noch heute ausgetragen werden“.

- Wie gelang es Gertrude Bell, sich diesen Raum in einer Männerwelt zu verschaffen? Wie unterschied sie sich von den anderen englischen Damen im Ausland?

Gertrude Bell war nicht die einzige Ausländerin in Bagdad. Die britischen Adligen konnten sich nämlich dank der Strukturen des Kolonialreichs mittel- und langfristig in diesem Gebiet aufhalten, verbrachten jedoch die meiste Zeit in exklusiven Kreisen, wo sie den britischen Lebensstil pflegen konnten. Gertrude Bell war anders. Im Jahr 1888 schloss sie als erste Frau ihr Studium der Zeitgeschichte in Oxford ab. Sie sprach fließend Arabisch und Persisch und interessierte sich für Archäologie. Auf ihren Reisen suchte sie den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Hinzu kommt, dass sie unerforschte Gebiete bereiste und deshalb topographische Karten zeichnen konnte, die später von der britischen Armee benutzt wurden, um Bagdad zu erreichen. Aufgrund dieser Kenntnisse und Kontakte zu den unterschiedlichen lokalen Stämmen konnte sie sich in den diplomatischen Kreisen, die damals eine reine Männerdomäne waren, etablieren.

- Was kann Gertrude Bell jungen Frauen vermitteln?

Sie zeigt uns, dass Bildung und Wissen – damals wie heute – die wichtigsten Mittel zur Emanzipation und unbedingt notwendig sind, damit Frauen ihren Platz in der Gesellschaft finden.“


Migrationspakt gegen afrikanisches Leid. Oder anders ausgedrückt: Eine immer dringlichere und kompaktere europäische Migrationspolitik auf der einen Seite und brisante soziale Situationen und Bürgerkriege auf der anderen Seite, die immer mehr verweifelte Menschen dazu zwingen, ihre afrikanische Heimat zu verlassen, um überleben zu können. Zwei entgegengesetze Positionen, die jedoch beide verständlich sind. Was ist der Ausweg aus dieser Zwickmühle? Italien und Griechenland flehen Europa darum an, nicht im Stich gelassen zu werden. Die Balkanroute wird gesperrt, Frankreich und Spanien (das übrigens dank der Mauer zwischen Marokko und Algerien nur eine marginale Rolle in Bezug auf die Migrationsrouten spielt) entziehen sich ihrer Verantwortung und Italien muss schließlich alles alleine managen. In der Zwischenzeit sterben täglich Menschen im Kanal von Sizilien. Maria Serena Alborghetti erzählt uns vom afrikanischen Leid…

 

Um das Phänomen besser einordnen zu können, sehen wird uns zuerst einige Angaben aus dem Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR an:

Ferner sollten auch einige Begriffe geklärt werden:

Schließlich werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Gründe für den Migrationsstrom aus Afrika in Richtung Italien:

Der Rest ist das übliche Tagesgeschehen, das sich weiterentwickelt. Österreich droht, am Brenner Panzer einzusetzen, und Italien plant, die Häfen für NGO-Schiffe zu sperren, die sich nicht an bestimmte Verhaltensregeln halten. Auf EU-Ebene wird über Themen wie eine Überarbeitung des Dublin-Abkommens diskutiert, damit die Verantwortung für Einwanderer nicht mehr zur Gänze auf dem Erstaufnahmeland lastet, aber auch über die Einrichtung von mehr Hotspots, die Stärkung der Programme der Küstenwache und der EU-Außengrenze (wie z. B. Frontex, Triton usw.), die Ausarbeitung eines auf EU-Ebene einheitlichen Asylverfahrens, um zu verhindern, dass die in den verschiedenen Aufnahmeländern bestehenden mehr oder weniger großen bürokratischen Hindernisse den Anstrom von Asylbewerbern beeinflussen.

Derzeit laufen aber auch Studien über Maßnahmen, die nicht so sehr in der Öffentlichkeit bekannt sind, obwohl sie vielleicht viel wichtiger sind, weil sie einen Kurswechsel in der Immigrationsfrage bedeuten. Diese Maßnahmen gehen über die oben genannten Vorgehensweisen hinaus, welche darauf abzielten, ein Phänomen zu bewältigen, das bis vor Kurzem noch als Ausnahmefall, als etwas Unabwägbares betrachtet wurde und dem man demzufolge mit Notmaßnahmen und schneller Abhilfe begegnen musste. Der Kurswechsel besteht darin, dass man beginnt, die Migration als eine Konstante aufzufassen, die das zukünftige Leben und die Politik der Mittelmeerländer prägen wird. In dieser Perspektive muss sie in ihrer Gesamtheit mit proaktiven politischen Strategien erfasst und verstanden werden, um damit umgehen zu können. Man spricht also über die Schaffung legaler Einwanderungswege, um den Schleusern die Luft zu nehmen und den Menschenhandel zu unterbinden, über Partnerschaftsverträge mit afrikanischen Ländern wie Niger, Mali, Senegal und Äthiopien, um Kompetenzen und Know-how vor Ort zu schaffen, die zur Stabilisierung der soziopolitischen Lage dieser Länder beitragen, und man spricht auch von Programmen zur Förderung der freiwilligen Rückkehr.

Maria Serena Alborghetti, eine viel reisende Schriftstellerin sowie UNO- und EU-Beobachterin in Afrika, erzählt uns von Ereignissen, über die wir kaum etwas wissen. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: „Sulle piste d’Africa“ und „Riflessi in uno specchio - Voci di donne da un paese in guerra“. Maria Serena Alborghetti verleiht vier Frauen – zwei Europäerinnen, die in Afrika arbeiten, und zwei Afrikanerinnen – ihre Stimme und erzählt uns durch deren Geschichte ihre eigenen Erlebnisse sowie die Lage in Afrika, die für die dortige Bevölkerung kompliziert und schwer zu ertragen ist und vor der viele Menschen fliehen. Sie teilt mit uns von der Europaregion eine interessante Überlegung, die sich die Politiker bei ihrer Einwanderungspolitik zu eigen machen sollten.

„Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Europa mit seinen 500.000.000 Einwohnern auch eine sehr große Zahl an Einwanderern aufnehmen kann, aber es ist mir auch klar, dass wir in einem Klima der Angst leben. Deshalb ist es schier unmöglich, eine Pflicht zur Aufnahme aufzuerlegen. Was gerade passiert, kann zweifellos nicht mit Gesetzen oder Mauern aufgehalten werden. Es geht um ein epochales Phänomen, das in seiner Gesamtheit bewältigt werden muss. Dies bedeutet allerdings nicht, dass man alle Ankömmlinge aufnehmen, sondern dass man einen Weg finden muss, um zu unterscheiden und einen Filter zu schaffen. Jedoch bedeutet es andererseits nicht, dass man die Menschenrechte einfach verletzen kann, indem man alle zurückweist, was übrigens auch zu keinem nennenswerten Ergebnis führt. Ich bin allerdings auch nicht mit den Bestimmungen des Minniti-Dekrets in Bezug auf die NGOs einverstanden (der vom Innenministerium auferlegte, so genannte „Verhaltenskodex“, d. h. die Verhaltensregeln für Nichtregierungsorganisationen, die Rettungsaktionen im Mittelmeer unternehmen und die sie unterzeichnen müssen, um ihre Tätigkeit weiterführen zu können. Anm.d.Red.) Auch deswegen müssen die Migrationsströme bereits an ihrem Anfang reguliert werden. Wenn sie erst einmal auf dem Weg sind und man sie dann aufhalten will, führt das nur zu Toten und unmenschlichen Situationen wie z. B. in Libyen. Das kann so nicht funktionieren! Eine solche Situation dient nur gewissen Populisten! Wenn wir das Problem hingegen ernsthaft angehen wollen, müssen wir einen Schritt zurückgehen und die Ursachen bekämpfen, die diese Menschen dazu bringen, ihr Leben auf der Flucht aufs Spiel zu setzen.

  1. Wir kennen den Hauptgrund, und zwar die Kriege und die Gewalt in Afrika. Aber das ist nicht alles und auch nicht alle Fälle sind gleich. So kommen nämlich z. B. die meisten Migranten aus Südnigeria zu uns, wo ein relativer Wohlstand herrscht, der Boden fruchtbar und Boko Haram weniger aktiv als im Norden des Landes ist. Die Migrationsgründe sind also anderswo zu suchen. Historisch gesehen besteht eine starke Rivalität zwischen den Hirtennomaden und den im Nildelta ansässigen Bauern. Aber dieser Umstand allein reicht nicht aus, um eine Massenabwanderung zu rechtfertigen. Hinzu kommt nämlich noch die starke Umweltverschmutzung, die wir Europäer durch die Ölbohrungen dort verursacht haben, insbesondere wir Italiener mit den ENI-Förderanlagen. Es ist zwar richtig, dass man versucht, Libyen zu normalisieren, aber es kann nicht als ein Land angesehen werden, das die Menschenrechtsbestimmungen einhält, die bis vor Kurzem noch die Europäische Union auszeichneten. Der erste Ansatz betrifft also die genaue Kenntnis des unterschiedlichen Herkunftszusammenhangs der Migrationsströme.
  1. Wenn man die Zeitgeschichte betrachtet, sieht man genau, dass dort, wo der Staat die Bedürfnisse eines Landes nicht auf eine legale Art und Weise zu befriedigen vermochte, die organisierte Kriminalität mit ihren Strukturen überhand genommen hat. Die afrikanische Bevölkerung hat historisch gesehen das Bedürfnis, sich zur Suche nach einem Lebensunterhalt frei auf dem Gebiet bewegen zu können. Die Grenzen zwischen einem Staat und dem anderen wurden von diesen Völkern nie als Hindernisse wahrgenommen. Bis vor wenigen Jahren erfüllte gerade Libyen dieses Bedürfnis. Aber nun ist leider seine Funktion als Raum, der die umherziehenden Menschen aufnehmen kann, weggefallen. Und genau diese Lücke wird von recht unhumanitären Organisationen ausgenutzt, die mit dem Versprechen, verzweifelte Menschen in ein Schlaraffenland zu bringen, Menschenhandel betreiben. Dieser begann bereits in den 90er Jahren, als junge Nigerianerinnen als Zwangsprostituierte auf unsere Straßen geschleppt wurden. Und heute betrifft er auch Männer, denen eine leicht zu findende Arbeit vorgegaukelt wird. Der zweite Ansatz besteht also darin, den Staaten zu helfen, eine stabile Regierung einzusetzen.

Wir können es wahrscheinlich gar nicht verstehen, wie das Versprechen von einer leichten Reise ins „Schlaraffenland“ heute noch Gehör finden kann. Aber hinter der Wüste beginnt eine andere Welt, eine Welt, in die keine Informationen eindringen. Ich würde die so genannte „proaktive Migrationspolitik“ genau an dieser grundlegenden Tatsache festmachen: Für Flüchtlinge sollten humanitäre Kanäle eingerichtet werden, die von den Botschaften jener Länder verwaltet werden, die den Ländern, aus denen die Menschen flüchten, am nächsten liegen. Meines Erachtens wäre die effizienteste Lösung die Einrichtung von Hotspots vor Ort, in denen speziell ausgebildetes und von den europäischen Agenturen zur Verfügung gestelltes Personal zusammen mit – ebenfalls speziell ausgebildeten – einheimischen Sprach- und Kulturmittlern die Bedürfnisse der Bewohner des jeweiligen Landesteils erfährt und auswertet. Sie könnten somit den „Flüchtlingsanwärtern“ alle notwendigen Informationen geben, um diesen alle möglichen Lösungen für ihre Probleme klar zu machen. Ich denke da zum Beispiel an die Mikrokredit- und Schutzprojekte für Kleinunternehmen vor Ort oder auch an Ausbildungsprojekte, die Fachwissen vermitteln, um kleine Genossenschaften zu gründen, deren Mitglieder – im afrikanischen Kontext – häufig mit den Mitgliedern der Großfamilie zusammenfallen. Ich denke dabei auch an eine Betreuung beim Einstieg in Kooperationsprojekte und -partnerschaften mit bestimmten europäischen Unternehmenslandschaften (so könnte zum Beispiel ein Bezirk im Veneto, in dem Möbel handwerklich hergestellt werden, am qualitativ sehr hohen Handwerksniveau bei der Holzverarbeitung in Mali interessiert sein). Und sollten die vor Ort vorgeschlagenen Lösungen das individuelle Bedürfnis nicht befriedigen können, so kann den Menschen schlussendlich auch Beistand geleistet werden, um einen legalen Migrationsweg zu finden. All dem muss natürlich eine Vereinheitlichung der Aufnahmeverfahren und der Bürokratie auf europäischer Ebene vorangehen, einschließlich der Festlegung der Kriterien für eine eventuelle Rückkehr des Migranten, falls dieser innerhalb einer bestimmten Zeit seines begleiteten Aufenthalts im Aufnahmeland nicht imstande war, die erforderlichen Schritte zum Beweis einer erfolgten Integration zu unternehmen. Ich stelle mir darunter eine Art „Aufnahme auf Zeit“ vor. Aber lassen Sie mich das besser erklären. Bei der „Ausnahme auf Zeit“ kann man meiner Meinung nach auch mehrere Chancen gewähren: Wer es in der vorgegebenen Zeit noch nicht geschafft hat, sich einzuleben, dem kann man später – zum Beispiel nach zwei Jahren – eine weitere Möglichkeit gewähren. Hielte er sich hingegen illegal im Land auf, hätte er diese Möglichkeit verspielt. Somit könnte man der Person, die keinen Anreiz zum Bleiben hat, eine weitere Hoffnung geben.

Technisch und logistisch gesehen wäre es auch gar nicht so kompliziert, ein solches Hotspot-Netz aufzubauen. Es gibt nämlich auf dem afrikanischen Boden bereits überall Büros und Logistikstellen der Vereinten Nationen und auch die Botschaften könnten diesem Zweck dienen. Unter dem finanziellen Gesichtspunkt würde dieses Projekt weniger kosten als alle heute laufenden Maßnahmen zusammen…

Es braucht nicht gesagt zu werden, dass die Gegenwart und die Zukunft der Europäischen Union genau auf der Fähigkeit beruht, eine wirksame und überzeugende Migrationspolitik durchzusetzen. Auch auf lokaler Ebene spielen die politischen Parteien ihre Glaubwürdigkeitskarte in Zusammenhang mit ihrer Fähigkeit aus, sich mit diesem kritischen Thema auseinanderzusetzen.“


Moldavien, ein unbekanntes Land. Genau in diesem Land beginnt die Odysee durch Europa der achtzehnjährigen Bebe und ihres kleineren Bruders Mikhail, die über Rumänien und Serbien nach Deutschland gelangen. Um ihre Geschichte geht es im Film „Geschwister“ von Markus Mörth.

Wie gesagt, beginnt die Reise der beiden Geschwister in Moldawien, einem Land, von dem wir kaum wissen, wo es liegt, und dessen gesellschaftliche und politische Situation uns nahezu unbekannt ist. Ganz sicher ist es kein Land, von dem wir häufig in den Schlagzeilen zu hören bekommen. Deshalb nutzen wir diese Gelegenheit, um einen kurzen Blick auf dieses Land zu werfen. Geopolitisch gesehen ist Moldawien ein kleiner osteuropäischer Staat, der an die Ukraine und an Rumänien grenzt, aber im Unterschied zu Bulgarien nicht zur Europäischen Union gehört. Die Bevölkerung besteht aus einem moldawischen/rumänischen und aus einem russischen/ukrainischen Teil. Nach der Oktoberrevolution und der Deklaration der Rechte der Völker Russlands 1917 forderte ein Teil des historischen Moldawiens nach einer eigenen nationalen Identität und erklärte sich selbst am 2. Dezember 1917 zur unabhängigen Republik Moldau. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es erneut von Russland besetzt und einer ethnischen Säuberung und der Deportation der rumänischsprachigen Bevölkerung unterzogen. Erst mit Gorbatschows Politik der Glasnost und Perestroika konnten erneut die Voraussetzungen für die freie Äußerung des Nationalgefühls geschaffen werden und nach dem Augustputsch in Moskau, der den Zerfall der Sowjetunion einleitete, kam es 1991 zu einer neuen Unabhängigkeitserklärung.

In Moldawien, das historisch gesehen stets zwischen dem russischen und dem rumänischen Einflussbereich, dem pro- und dem anti-europäischen Gedankengut und folglich auch zwischen seiner russischen Bezeichnung „Moldawija“ und der rumänischen Bezeichnung „Moldova“ hin- und hergerissen war, wurden gegenwärtig die Präsidentschaftswahlen im November 2016 von dem prorussischen Kandidaten Igor Dodon gewonnen, der mit Vladimir Putin befreundet und der Europäischen Union gegenüber skeptisch ist. Dieses Wahlergebnis ist sicherlich auch auf die Unfähigkeit der vorhergehenden Regierungen unter den europafreundlichen Parteien von 2009 bis 2015, die verbreitete Armut einzudämmen, sowie auf den Korruptionsskandal zurückzuführen, nach dem Ende 2014 der damalige Premierminister Vlad Filat verhaftet wurde. Damals verschwanden 18 Milliarden Leu (ungefähr 930 Millionen Euro) aus drei der größten und wichtigsten Banken des Landes, welche etwa ein Drittel des im ganzen Lande vorhandenen Geldes verwalteten, darunter auch die für die Renten bestimmten Summen.

Verständlicherweise ist mit dem Geld auch das Vertrauen auf eine Zukunft seitens der jungen Leute verschwunden, die – genau wie die Geschwister im Film – versuchen, den Zug in die Zukunft nicht zu verpassen, indem sie nach Westeuropa flüchten, wo sie nicht nur Zuversicht, sondern auch die Einhaltung der Menschenrechte und freie Meinungsäußerung erwarten. In der Heimat verkündet indessen der neugewählte Präsident Dodon, dass er „in seinem Land wieder für Ordnung sorgen und die traditionellen Werte verteidigen wird“ und – mit einem Augenzwinkern Richtung Putin – dass er das Abkommen mit der Europäischen Union aufkündigen und der Eurasischen Zollunion beitreten will.

Aber kommen wir nun zu den zwei Hauptfiguren des Films „Geschwister“ zurück. Der Autor und Regisseur Markus Mörth erzählt: „Mit 22 Jahren bin ich von Graz nach München umgezogen, um dort die Filmhochschule zu besuchen. Da ich mit 29 Jahren meinen Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatte, leistete ich im Flüchtlingsheim St. Gabriel in Graz Zivildienst. In diesem Heim waren psychisch labile Flüchtlinge untergebracht. Dieses Heim wurde dann geschlossen. Dies war eine politische Entscheidung infolge der Beschwerden der Bewohner, die eine Abwertung ihres Stadtviertels befürchteten. In genau jenem Jahr habe ich Geschichten gesammelt. Dabei wurde mir allerdings bewusst, dass die Flüchtlinge, die bis zur Anerkennung ihres Asylrechts in einer Art sozialer und rechtlicher Vorhölle leben, nicht gern über ihre Vergangenheit reden, denn sie haben ja ihre Vergangenheit mit dem Entschluss zum Aufbruch hinter sich gelassen. Sie haben irgendwie Angt, über die Gründe zu sprechen, die sie zu ihrer persönlichen Reise in die Hoffnung bewogen haben, fast als ob das Reden darüber bewirken würde, dass sie von diesen Gründe eingeholt und ihre Bemühungen noch vor Erreichung des Ziels zunichte gemacht werden könnten. Aus diesem Grund mache ich im Film auch nur vage Andeutungen an die Gründe, die die Geschwister Bebe und Mikhail dazu bewogen haben, die Donau zu überqueren…

Aber gehen wir nun zur Geschichte des Films „Geschwister“ über: Ich habe sie 2009 konzipiert, als ich im Auftrag des ORF nach Moldawien reiste, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich Zugriff auf Material von Amnesty International, darunter auch auf einige wirklich eingetretene Fälle wie z. B. der Fall junger Roma, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt, inhaftiert und gewaltsam behandelt worden waren. Bei meinen Nachforschungen habe ich auch feststellen können, dass sich viele Familiengeschichten wiederholen: Eltern, die die riskante Reise nach Westeuropa aufnehmen, um dann ihrem ältesten Kind Geld schicken zu können, welches dann an seinen Eltern statt die Bezugsperson für die jüngeren Geschwister wird. Ebenso konnte ich feststellen, dass der moldawische Staat in eine Art „Arbeitsmarkt für soziale Dienstleistungen“ investiert, indem er Möglichkeiten für junge Leute schafft, Sozialberufe in Österreich zu erlernen, um dann auf dem europäischen Markt der Pflegedienste wettbewerbsfähig zu sein.

Ausgehend von diesen Überlegungen entstand die Idee, einen Film zu drehen, der ein möglichst breitgefächertes Publikum ansprechen und eine für dieses kleine Stück Erde repräsentative Geschichte erzählen soll. Das war kein leichtes Unternehmen, vor allem im Hinblick auf die notwendigen finanziellen Mittel. Zuerst habe ich beschlossen, gleichzeitig einen Roman über die Geschichte von Mikhail und Bebe zu schreiben, der 2012 erschien und einen ziemlich großen Zuspruch fand. So habe ich das Startkapital gehabt, um ein kleines Filmstudio in München einzurichten. Und als ich einmal dort war, hat sich alles perfekt ineinander gefügt: Ich habe irgendjemand kennengelernt, der mir eine andere Person vorgestellt hat und die wiederum stellte mich einer dritten Person vor…und im Nu hatte ich die Unterstützung des ZDF, ORF und des Bayrischen Rundfunks, d. h. genau das notwendige Budget und ein multiethnisches Team, um mit den Aufnahmen zu beginnen.

So sind wir im Sommer 2015 nach Rumänien und Serbien gereist, wo ein anstrengendes, jedoch mitreißendes Abenteuer begann und wir von der Realität eingeholt, manchmal sogar überholt wurden! Genau in diesem Sommer rückte nämlich die Balkanroute unerwartet in den Strudel der Ereignisse. Wir drehten und hinter uns wurden die Grenzen geschlossen. Jeden Tag bereicherten und überholten die Tagesereignisse meine Dreharbeiten, so dass ich mehrmals innehalten und überlegen musste, ob ich nun einen Dokumentarfilm drehen wollte, indem ich alles, was sich vor unseren Augen abspielte, aufnahm, oder ob ich mich an mein Drehbuch, an meine Geschichte als Metapher für alle Migrationsgeschichten halten und dabei versuchen wollte, sie erforderlichenfalls zu aktualisieren. Ich habe diesen zweiten Weg gewählt. Rückblickend bin ich zufrieden mit dieser Entscheidung. Ich bin überzeugt, dass mein Film sicherlich ein anders Publikum erreicht als das, was ich mit einem Dokumentarfilm hätte erreichen können, und dass er ein wichtiges Zeugnis des Zeitgeschehens darstellt. Der Publikumspreis, mit dem er beim Filmfestival in Bozen ausgezeichnet wurde, ist das beste Zeugnis dafür.“


Der Futurismus wurde 1909 von Filippo Tommaso Marinetti mit der Veröffentlichung im französischen „Le Figaro“ des ersten „Futuristischen Manifests“ begründet. Darin verherrlichte er die Industrie und das Großstadtleben als Symbole der Modernität, als Inbegriff und Exaltation des Reizes der Geschwindigkeit und der Maschinen, der Bewegung, der Aktion, des Gewaltakts zur Abschaffung der etablierten Werteordnung, des Militarismus und des Kriegs, als einzige Hygiene der Welt.

In den Jahren 1914—1915 gärt es in der italienischen Gesellschaft und Politik. Der Erste Weltkrieg steht bevor und Italien ist gespalten zwischen Befürwortern der Neutralität und denjenigen, die eine Militärintervention an der Seite der Entente anstreben. Aus den von den Künstlern des „Gruppo Futurista“ vertretenen Werten kann man schließen, dass sie zu Letzteren gehörten. Sie meldeten sich zum „Battaglione lombardo volontari Ciclisti e Automobilisti“. Anfang Juni 1915 kamen sie zunächst nach Gallarate und dann nach Peschiera del Garda ins Nachschubgebiet der Trentiner Front; Mario Sironi, Achille Funi, Carlo Erba und Ugo Piatti schlossen sich später Marinetti, Bucci, Boccioni und Sant'Elia an. Im Juli wurden die freiwilligen Kämpfer dem Frontabschnitt Ala und Gardaseegebiet zugeteilt. In den darauf folgenden Monaten konnten sie einige erfolgreiche Aktionen durchführen, die ihre Entschlossenheit deutlich bestärkten. Doch im Dezember 1915 wurde das Bataillon aus kriegstechnischen Gründen aufgelöst und die Futuristen wurden auf verschiedene, stärker umkämpfte Frontabschnitte verteilt. Boccioni stirbt nach einem Sturz vom Ross; Antoni Sant’Elia und Carlo Erba lassen am Monte Ortigara ihr Leben.

Nicoletta Boschiero ist Historikerin und Kuratorin im MART sowie seit 1990 Verantwortliche der „Casa Depero“: Sie beleuchtet das Verhältnis der Futuristen zum Krieg: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strebt eine von Filippo Tommaso Marinetti angeführte Gruppe junger Künstler und Intellektueller danach, eine neue Welt zu schaffen, indem die alte zerstört wird. Gestärkt durch Leitsprüche wie „Tod den Museen! Tod den Passatisten!“ verherrlichen sie, die sich selbst als Futuristen bezeichnen, in ihrem ersten Manifest aus dem Jahr 1909 den Krieg als einzige Hygiene der Welt. Als Europa 1914 mit dem Aufrüsten beginnt, wittern die Futuristen – ausgehend von ihrem abstrakten Denkmodell – die Gelegenheit, all das Alte zu beseitigen, um einen Neuanfang zu machen. Selbstverständlich sind sie Befürworter des Eingreifens und stehen in der öffentlichen Debatte vor dem Kriegseintritt Italiens auf der Seite der Interventisten. Sie sind jedoch nicht nur Interventisten, sondern auch Irredentisten. Fortunato Depero, bekanntlich ein Trentiner, also damals österreichisch-ungarischer Staatsbürger, brachte bereits 1912 seine irredentistischen Gedanken zum Ausdruck, als er Dank seiner Bekanntschaft mit Mario Rizzoli – Fleimstaler, glühender Irredentist und Kamerade von Cesare Battisti – an der Verwirklichung eines Fotobandes über die Wälder des Fleimstales mitwirkte, der aus 50 mit Zeichnungen, Karyatiden und Verzierungen des sehr jungen Depero geschmückten Fotografien besteht. Hier kommen die bei seiner Bildhauerlehre in Rovereto erworbenen Techniken zur Geltung. Später wurde der Fotoband dem Touring Club Italiano überlassen, um die Rolle der Magnifica Comunità di Fiemme als Botschafterin der Wiederaufforstung Italiens hervorzustreichen.

1914 machte Depero die Bekanntschaft von Giacomo Balla. Als Irredentist der ersten Stunde begibt er sich nach Rom und ist im Kreis der futuristischen Kunstgalerie des Giuseppe Sprovieri tätig, wo er seine Kunst verfeinert und die Arbeit von Boccioni sowie die Werke von Balla, Severini und Russolo studiert. Durch seine besondere Verbindung zu Balla erlernt er eine neue Art der Malerei, die sich von jener der Wiener Sezession – die bis dahin sein Bezugspunkt gewesen war – deutlich unterscheidet. Bei Kriegsausbruch verlässt er Trient und zieht nach Rom, wo er 1915 zusammen mit Balla das Manifest „Ricostruzione Futurista dell’universo“ unterzeichnet. Dieses Manifest bildet den Übergang vom ersten zum zweiten Futurismus: Zwischen 1909 und 1915 versteht sich der Futurismus als dekonstruktive Kraft, die auf die Zerstörung der Vergangenheit ausgerichtet ist; nach Boccionis Tod ändert sich das. Die Futuristen begreifen, dass der Krieg nicht ein abstrakter Gedanke ist, mit dem die Welt verändert werden kann. Der Krieg beseitigt und löscht auch das Gute der Vergangenheit aus. Das Manifest von Balla und Depero wird zum Manifest des konkreten Schaffens, der Weltveränderung durch Gegenstände, in denen ein neues Kunstgefühl zum Ausdruck kommt, das im konstruktiven Kontrast zur Vergangenheit steht. So entstehen Wandteppiche, Werbeplakate, Bühnenbilder für Figuren-Tanztheater, Spielzeug, in denen der Künstler-Erschaffer seine Weltanschauung offenlegt. In den zwanziger Jahren erreicht Depero den Höhepunkt seiner Karriere, den er mit seiner Gattin und Lebensgefährtin Rosetta teilt. Bei der Weltausstellung des Kunstgewerbes und des Industriedesigns in Paris 1925 feierte er große Erfolge.

Die Fähigkeit ihre explosive Kunstansichten zu übertragen, ist der Grund, weshalb die Futuristen heute noch ein Begriff sind. Bleiben wir bei Fortunato Depero und seiner Verbindung zu Davide Campari ...

Nicoletta Boschiero: Das Unternehmen Campari hatte bereits bekannte Illustratoren wie den Triestiner Marcello Dudovich, auch Leonetto Cappiello, den französischen Plakatmaler Achille Luciano Mauzan, Gino Boccasile und in den sechziger Jahren Bruno Munari engagiert.

Davide Campari finanzierte das sogenannte Bolzenbuch, eine Veröffentlichung ohnegleichen, das 1927 von Depero und Fedele Azari geschaffen wurde. Depero entwarf auch Comicbilder in Tuschezeichnung, die heute noch als modern und aktuell gelten. Aus der Begegnung zwischen Davide Campari und dem Künstler im Jahr 1930 entstanden neue künstlerische Anreize. Fortunato Depero entwarf die unverkennbare Form der Campari-Soda-Flasche, die die Campari-Produktion revolutionierte. Die bis heute nicht veränderte Form eines umgedrehten Kelches in der tiefroten Farbe des Bitter Campari war eine einfache und jedoch erfolgreiche Eingebung.


„Das Galizien-Trauma“:

Bereits in der ersten Tagen der Mobilmachung im August 1914 wurden die meisten eingezogenen Tiroler und Vorarlberger an die Ostfront in Galizien geschickt, in sage und schreibe 4 Kaiserjäger-, 3 Landesschützen- und 2 Landsturmregimentern, einer Landesschützendivision zu Pferde und einem Artillerieregiment. Dieses südöstlich von Krakau gelegene Gebiet in Südpolen erstreckte sich über 78.000 km² und war 1815 vom Wiener Kongress Österreich als „Kronland“ zugesprochen worden.

Zwischen dem 24. August und dem 11. September 1914 erlitt Österreich-Ungarn mit seiner ehrgeizigen Hoffnung auf einen leichten Sieg nach einer Reihe blutiger Kämpfe zwischen dem eigenen und dem russischen Heer in der Schlacht von Lemberg und dem darauf folgenden Rückzug der österreichischen Soldaten in die Karpaten seine erste große militärische und moralische Niederlage. Conrad von Hötzendorfs Hoffnung, dass der einbrechende Winter für die besser ausgerüsteten österreichischen Truppen von Vorteil wäre, erfüllte sich leider nicht: Die kontinuierlichen Angriffe der Russen, der Schnee, die Kälte, die Lebensmittelknappheit, die schweren Munitionen und Waffen führten zu riesigen Verlusten. Im Oktober 1914 gelang es den österreichischen Truppen zwar, die Russen zurückzudrängen, aber als am 22. März 1915 die Festung Przemysl, die den Österreichern als Symbol für Widerstand und Mut galt, von den Russen erobert wurde, kam es zu einer regelrechten Katastrophe: 9 Generäle, 2.593 Offiziere und 117.000 Soldaten, von denen 1.600 Mann dem Tiroler Landsturmregiment angehörten, gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Sibirien und Turkestan deportiert. Im Mai 1915 konnten die Österreicher dank des Beistands eines deutschen Generals und seiner Armee die russische Front durchbrechen, was jedoch zu keiner endgültigen Niederlage Russlands und dessen Rückzug von der galizischen Front führte.

Geschichtsbücher erzählen schonungslos Zahlen und Fakten, Angriffe und Gegenangriffe beider Seiten. Aber nichts kann uns die Geschichte besser vermitteln als das direkte und emotionsgeladene Zeugnis eines Soldaten, der in den Karpaten gekämpft und dort Tag für Tag sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Erfahren Sie nun die Geschichte des am 17. Dezember 1893 in Sexten im Pustertal geborenen Josef Tschurtschenthaler, der erst 21 Jahre alt war, als er eingezogen und als „Kaiserjäger“ an die Ostfront nach Galizien geschickt wurde. „Damals war man allerdings mit 21 schon ein Mann und die Erfahrungen, die man im jahrelangen Kampf an der Front machte, zerstörten sowieso die für die Jugendjahre typische Unbeschwertheit“, erzählt uns seine Enkelin Waltraud, „ein Blick auf das Selbstporträt, das er auf ein abgenutztes Stück Glaspapier gezeichnet hatte, genügt, um zu verstehen, dass diese jungen Soldaten bereits gestandene Männer waren. Sie müssen wissen, dass mein Großvater ein Bildhauer und Holzschnitzer war, also ein richtiger Künstler. Und als solcher hat er seine schrecklichen Erfahrungen an der Front durch Zeichnen verarbeitet. Abends, im Schützengraben, nahm er einen Bleistift, ein paar Farben und ein irgendwo aufgelesenes Stück Papier und bildete mit sicherer Hand und großem Können das ab, was er gerade sah: einen Kommilitonen auf dem Feldbett, Karten spielende Soldaten in einem der wenigen ruhigen Momente, zwei Offiziere, die vor strategischen Unterlagen miteinander diskutieren. Aber meistens zeichnete er, was sich auf dem Schlachtfeld vor seinen Augen abspielte: einen brennenden Heuschober, einen wütenden russischen Soldaten mit harten Gesichtszügen, einen anderen, der mit dem Gewehr bewaffnet zum Angriff übergeht, dem aber die Todesangst ins Gesicht geschrieben steht, einen Verwundeten in den letzten Zügen, die beiden Fronten im Kampf, Pferde, Granaten … Alle von ihm signierten Zeichnungen sind zwischen Mai 1915 und den ersten Monaten des Jahres 1916 datiert.“

„Mein Großvater hatte jedoch Glück, denn er konnte Ende 1916 auf seinen eigenen Beinen heimkehren. Aber meine Urgroßmutter wäre damals beinahe zu Tode erschrocken! Stellen Sie sich einmal diese Situation vor: Seit Monaten gab es keine Nachricht von meinem Großvater und zu Hause befürchtete man das Schlimmste. Dann erhielt meine Urgroßmutter ein Paket mit den Papieren ihres Sohnes und eine Verdienstmedaille für Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren hatten. Stellen Sie sich den Schmerz der Familienangehörigen vor, meine Trauer tragende Urgroßmutter, die in ihrem Leid versank…und dann, eines Tages, klopfte es an der Tür, Urgroßmutter machte auf und wer kam herein? Ihr Sohn, mein Opa Josef, wie er leibt und lebt! Anstatt sich zu freuen, bekam meine Urgroßmutter zuerst eine Panikattacke: Sie schrie und fürchtete, ein Gespenst vor sich zu haben …damals waren die Menschen sehr abergläubisch. Aber es war wirklich ihr totgeglaubter Sohn! Wie konnte das geschehen? Mein Großvater war auf dem Schlachtfeld, wo überall Tote und Verletze herumlagen. Er überlebte den Kampf, aber seine Hose war völlig zerfetzt …in den Karpaten war es sehr kalt und er wollte nicht frieren. Es sah einen toten Kameraden, der jedoch eine unbeschädigte Hose trug. Er überlegte nicht lange und tauschte seine Hose mit der des toten Soldaten. Dabei vergaß er aber, seine Papiere mitzunehmen…“

Waltraud Tschurtschenthaler redet wie ein Wasserfall und ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrem Großvater erzählt. Sie blättert in der Bildersammlung, die sie sorgfältig und liebevoll aufbewahrt hat.

„Dieses Bild hat für unsere Familie eine besondere Bedeutung. Ich bin immer gerührt, wenn ich es sehe. Die Geschichte dazu muss ich Ihnen unbedingt erzählen: Es war 1918, mein Großvater war kurz zuvor aus dem Krieg heimgekehrt, Sexten war zerstört, sein Hof war abgebrannt, alles musste wiederaufgebaut werden. Aber Großvaters erstes Anliegen war, die leiblichen Überreste seines geliebten Bruders Veit Tschurtschenthaler in die Heimat zurückzuholen. Sein Bruder war nämlich, nachdem er sich bei einer Kampfhandlung im Hochpustertal eine Bauchverletzung zugezogen hatte, am 21. August 1915 im Lazarett verstorben und war dann auf dem nahegelegenen Friedhof in Innichen beerdigt worden. Mein Großvater wollte sich aber nicht damit abfinden, dass sein Bruder so weit entfernt von seinem Heimatdorf und seiner Familie begraben lag. Da aber seine mehrmals gestellten Anträge auf Exhumierung zwecks Umbettung immer abgelehnt wurden, ging er einfach eines Nachts mit einer Hacke und einem schwarzen Sack ausgerüstet auf den Innicher Friedhof. Dort grub er heimlich die Leiche seines Bruders aus, nahm sie auf die Schulter und trug sie sieben Kilometer durch den Wald bis nach Sexten, wo er sie dann in Würde beerdigte.“

Es gibt sicherlich noch viele Geschichten wie die über das Leben von Josef Tschurtschenthaler. Und solange diese Erzählungen so genau und hingebungsvoll überliefert werden, wie es Waltraud tut, werden sie auch in der Gegenwart noch lange weiterleben.


Der Israelisch-Palästinensische Konflikt ist leider ein Szenario, an das wir Leser, Nachrichtenzuschauer, diesseits des Mittelmeers lebenden Europäer nunmehr gewohnt sind: ein Krieg ohne Ende, dessen Ursprung zum Teil schleierhaft scheint und der seit über 80 Jahren nur von einigen kurzlebigen Waffenruhen und Befriedungsversuchen unterbrochen wurde. Im Laufe der Jahre wurde diese bereits an sich sehr komplexe Auseinandersetzung von links und rechts auch im Sinne einer Unterstützung der amerikafreundlichen bzw. der russlandfreundlichen Interessen und Argumente instrumentalisiert: jeder von uns, einschließlich der Pazifisten, ist mehr oder weniger offen ein Befürworter der einen oder der anderen Partei – beinahe wie es in einem Fußballstadion der Fall ist – je nach politisch-intellektueller Gedankenwelt, mit der man sich identifiziert. Aus diesem Grund möchte das Euregio-Team diesen Bericht auf einige vielleicht weniger bekannte Aspekte begrenzen und mit Hilfe von Flavio Lotti, Organisator des Friedensmarsches Perugia-Assisi sowie nationaler Koordinator des „Friedenstisches“, diesen Konflikt anhand spezifischer Aspekte beleuchten und ein Bild der derzeitigen Sachlage zeigen.


  1. Der Untergang des Osmanischen Reichs, das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien, die britische Besatzung und die Entstehung der ersten Siedlungen. Wie schon in den früheren Interviews soll auch hier darauf hingewiesen werden, dass sich die westlichen Mächte nach Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang des Osmanischen Reichs sehr davor hüteten, diese Länder bei der Etablierung ihrer Unabhängigkeit zu unterstützen; das vorhandene Erdöl und der Handelsweg über den Suez-Kanal waren begehrte „Leckerbissen“, sodass Franzosen und Engländer den Nahen Osten in zwei Einflussgebiete untereinander aufteilten: Großbritannien beanspruchte Jordanien, den Irak und ein kleines Gebiet um Haifa für sich, Frankreich hingegen den Süd-Osten der Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon. Im Juli 1922 erhielt Großbritannien vom Völkerbund ein Mandat über die Gebiete von Palästina und Transjordanien. Nachstehend einige Auszüge aus der Balfour-Deklaration (1917) und des Weißbuchs von 1939...

Lotti: Zwischen 1916 und 1917 reifte in Großbritannien der Gedanke heran, dass es von Vorteil wäre, wenn die Juden die Möglichkeit bekämen, sich in einem eigenen Staat in Palästina anzusiedeln. Auf diese Weise hätte sich Großbritannien die Unterstützung der Juden während des bevorstehenden Weltkriegs zugesichert und später hätte es für seine Expansionspläne dort einen Verbündeten gehabt. Diese Absicht wurde erstmals in der Balfour-Deklaration von 1917 zu Papier gebracht: ein Brief des damaligen englischen Außenministers Arthur Balfour an den einflussreichsten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Großbritannien, Lord Rothschild, in dem er erklärt, dass die Regierung Seiner Majestät die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen betrachtet. Der Beginn eines nicht wieder gutzumachenden Umbruchs in diesem noch heute umkämpften Gebiet: die Umsiedlung der Juden hauptsächlich aus Russland nach Palästina. Eine weitere Legitimierung der Ansiedlungspolitik, die sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konstant entwickelte, kam 1922 vom Völkerbundsmandat an Großbritannien, das aus damaliger Perspektive erforderlich war, um die Völker des aufgelösten Osmanischen Reichs zur liberalen Demokratie zu erziehen. Auch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade in jener Zeit die sogenannten Rassentheorien Fuß fassten, in denen man zwischen höher- oder minderwertigen Rassen und Völker unterschied. Die Jahre vergingen und Großbritannien, das wie gesagt bei der Entstehung dieses neuen Staates eine wesentliche Rolle gespielt hatte, wurde klar, dass es keine Kontrolle mehr über die Entwicklung hatte. Deshalb unternahm es einige – nicht allzu überzeugende – Versuche den laufenden Prozess einzudämmen. Im sogenannten Weißbuch von 1939 wurden die mit dem Ansiedelungsplan der palästinensischen Bevölkerung bereiteten Schwierigkeiten zur Kenntnis genommen, welcher schrittweise das Heimatland und die Existenzgrundlagen entzogen wurden. Den Feststellungen im Weißbuch wurde allerdings – wie gesagt – kein besonderer Nachdruck gegeben.

  1. Der Zionistische Weltkongress in Basel 1897 und die Jewish Agency: eine neue Bevökerungsstruktur. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann eine jüdische Bewegung, mit dem Ziel die tausendjährige Diaspora mit der Rückkehr in das biblische gelobte Land zu beenden. Die Juden waren bereits vom römischen Kaiser Titus aus ihrem Land vertrieben worden... Dieses Projekt wurde „Zionismus“ genannt, wichtigste treibende Kraft war Theodor Herzl, Veranstalter des Zionistenkongresses in Basel von 1897. Nachstehend einige Auszüge aus seinem Tagebuch vom 3. September 1897: „Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. (...) Territorium ist nur die konkrete Unterlage, der Staat ist selbst, wo er Territorium hat, immer etwas Abstraktes. (...) Ich habe also in Basel dieses Abstrakte und darum den allermeisten Unsichtbare geschaffen...“ Anschließend werden auch die Zielsetzungen der Jewish Agency und ihre Arbeitsweise erläutert.

Lotti: Bereits im 19. Jahrhundert hegten die auf der ganzen Welt verstreuten Juden, die in Russland unter den ersten Pogromen zu leiden hatten, den Gedanken, sich zusammenzutun. Eine der damals kursierenden Theorien war der von Herzl begründete politische Zionismus, der sich unter vielen Ideologien durchsetzte. Herzls Intuition, die er 1897 auf dem Ersten Zionistischen Weltkongress in Basel öffentlich äußerte, war erfolgreich und wurde zur Wirklichkeit. Damals hatte Herzl die Gründung eines jüdischen Staates innerhalb von 50 Jahren vorausgesehen: Der Staat Israel wurde 1948 gegründet. Für die Briten, die in den Jahren um 1917 nach einer Gelegenheit suchten, um die Gunst der Juden in dem sich abzeichnenden Konflikt zu gewinnen, war es der perfekte Plan, um ihr Ziel zu erreichen… so kam es zur Balfour-Deklaration. Mit dieser Erklärung wurde die rechtliche Grundlage für Herzls Vision geschaffen und die Jewish Agency war deren Exekutive. Seit ihrer Errichtung im Jahr 1929 bis zur offiziellen Gründung des israelischen Staates 1948 stellte die Jewish Agency mit Gutheißen Großbritanniens und der Vereinten Nationen die jüdische Parallelregierung zur englischen Regierung dar: Sie erfüllte politische Funktionen durch die Wahl ihrer Vertreter, administrative Funktionen bei der Abwicklung des Erwerbs der von den Palästinensern oft unwissentlich abgetretenen Grundstücke sowie militärische Funktionen durch die Errichtung eigener bewaffneter Militärbrigaden.

  1. 1948: die Gründung des Staates Israel und die UN-Resolution 181

Lotti: Als Großbritannien die Vereinten Nationen an der Übernahme einer Übergangsregierung für die Zeit der Umsetzung der Resolution Nr. 181 der UN-Generalversammlung im Jahr 1947 hinderte, die einen Teilungsplan für Palästina zwischen Arabern und Juden beinhaltete, und somit diese Region sich selbst überließ, war die von Großbritannien verursachte Katastrophe endgültig vollzogen. Ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung lehnte die Resolution 181 ab; die unmittelbare Folge war ein Bürgerkrieg in Palästina, auf den 1948 der arabisch-israelische Krieg folgte. Die Konfliktsituation eskalierte 1967 in den Sechstagekrieg, in dem sich Israel und die arabischen Länder Ägypten, Syrien und Jordanien gegenüberstanden und der mit einem schnellen und überwältigenden Sieg Israels endete.

  1. PLO, Arafat und die UN-Resolution 242. Warum wurde die Lösung „Zwei Völker – zwei Staaten“ nie umgesetzt, die bereits 1947 von den Vereinten Nationen mit der Resolution 181 genehmigt und von Arafat mit der Forderung des israelischen Rückzugs aus den 1967 während des Sechstagekriegs besetzten Gebieten bekräftigt worden war?

Lotti: Auch eine weitere UN-Resolution, die Nr. 242, die gleich nach dem Sechstagekrieg verabschiedet wurde und in der zwar die Idee der Resolution 181 „Zwei Völker – Zwei Staaten“ wieder aufgenommen wurde, den Juden aber ein größeres Gebiet als das in der vorhergehenden Resolution vorgesehene zugewiesen wurde, führte nicht zum gewünschten Einvernehmen. Die Juden haben diese Resolution bis heute nicht akzeptiert und das in der Resolution 242 enthaltene Prinzip „Frieden gegen Land“ wurde erst 1988 von der PLO unter der Führung Arafats anerkannt, leider vergebens.

  1. Israel und Palästina heute: ein Land ohne Frieden in einem destabilisierten Nahen Osten. Wie soll die Zukunft aussehen?

Lotti: Wie gesagt, es gab zwei Resolutionen mit fast derselben Ausrichtung…aber sie haben zu nichts geführt. Denn die mehr oder weniger ungehinderte Expansionspolitik Israels ist nie zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil, sie wurde noch verstärkt durch den Bau jüdischer Siedlungen in palästinensischen Gebieten wie im Westjordanland, in Ostjerusalem und im Gazastreifen, was dann noch zum Bau von Mauern führte. Heute wäre eine konkrete Umsetzung der Resolution 242 praktisch unmöglich, außer man würde eine Massenumsiedlung der inzwischen seit Langem in palästinensischen Gebieten angesiedelten jüdischen Bevölkerung vollziehen. Diese palästinensischen Gebiete bestehen übrigens aus Enklaven, deren Zugang sich unter israelischer Kontrolle befindet. Das Ausbrechen neuer blutiger Aufstände ist in einem solchen Kontext nur eine Frage der Zeit. Die internationale Gemeinschaft muss heute dem größten Versagen der Neuzeit ins Auge sehen. Es wäre jetzt vielleicht an der Zeit, dass sie dies offiziell zugibt und die Anerkennung und Unverletzlichkeit der – ganz offensichtlich nicht beachteten – Menschenrechte der Palästinenser, einschließlich des Schutzes ihrer Gebiete, durchsetzt. Ein ausgesöhnter jüdisch-palästinensischer Staat wäre außerdem auf dem Schauplatz des derzeit starken Umwälzungen unterworfenen Nahen Ostens ein wahrer Ruhepunkt.


Kurdistan „der fehlende Nationalstaat“. Es existiert wohl auf den Landkarten, denn es erstreckt sich über die Hochebenen im Norden und Nordosten des einstigen Mesopotamien – also jeweils auf türkischem, syrischem, irakischem und iranischem Staatsgebiet – bildet jedoch keinen eigenen unabhängigen Staat. Dasselbe gilt für die Sprache: Die kurdische Sprache gehört zum iranischen Zweig der indogermanischen Sprachen, als Unterrichtssprache gilt jedoch die Amtsprache des jeweiligen Zugehörigkeitsstaats: Arabisch, Türkisch, Russisch, Persisch ...

Auf der politischen Landkarte erstreckt sich Kurdistan über verschiedene Staaten, nämlich die Türkei, den Iran, den Irak, Syrien und – ein kleiner Teil – Armenien im Süden. Schätzungsweise leben 40 Millionen Menschen in Kurdistan, davon 15-20 Millionen in der Türkei, wo sie auch die bevölkerungsstärkste Gruppe bilden. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist schwer zu leugnen, dass die Türkei unter der Führung von Präsident Erdogan jede Gelegenheit nutzt, um die Kurden anzugreifen: Mit der Unterstützung für Erdogans Kampf gegen den IS gehen auch die sogenannten „Kollateralschäden“ einher, die – anscheinend durch Zufall – gerade im Kurdengebiet – aber nicht nur dort – entstehen. Nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 wird mit Härte gegen die linksgerichtete kurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) wegen Terrorpropaganda und Verbindungen zur Kurdischen Arbeiterpartei PKK, die seit Jahren Autonomie für die Kurden fordert und von der türkischen Regierung als Terrorgruppe eingestuft wird, vorgegangen. Die Beziehungen zwischen der türkischen Regierung und den Kurden haben sich seit 2015 nach Auslaufen der seit 2013 herrschenden Waffenruhe zunehmend verschlechtert. Es sei hier noch darauf verwiesen, dass sich im geografischen Gebiet Kurdistans die reichsten Ölvorkommen der Welt befinden. Das könnte wohl auch der wahre Grund für die Militärinvasion der USA in den Irak im Jahr 2003 (dritter Golfkrieg) gewesen sein.

Die kurdische Territorialfrage stellte sich in historischer Hinsicht bereits zur Zeit des Untergangs des Osmanischen Reichs, welches nach Ende des Ersten Weltkriegs und insbesondere nach dem am 10. August 1920 unterzeichneten Vertrag von Sèvres einen Großteil seines Territoriums abtreten musste. Im Vertrag war für die Kurden allerdings die Möglichkeit einer Autonomie innerhalb des Staates vorgesehen, dessen Grenzen von einem eigens gebildeten Ausschuss im Völkerbund definiert werden sollten. Der Vertrag wurde allerdings nie ratifiziert und der spätere „Vater der Türken“ (Atatürk) Mustafa Kemal Pasha zwang die ehemaligen Entente-Mächte 1923 den Vertrag von Lausanne zu unterzeichnen, in dem alle Zusagen an die kurdische, die armenische und die griechische Minderheit rückgängig gemacht wurden.

Heutzutage genießt allein das irakische Kurdistan seit 2005 eine gewisse Autonomie, und zwar als irakische Bundesregion, die nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003, mit Hauptstadt Abril (oder Ebril) errichtet wurde. Die Regionalregierung des irakischen Kurdistan verfügt auch über eigene Streitkräfte, den sogenannten Peschmerga, einer militarisierten regionalen Gendarmerie.

Nach 2014 eroberte der Islamische Staat den irakischen Kurdistan sowie das benachbarte östliche Syrien und wählte Mosul zur Hauptstadt. Der Fortgang der Geschichte ist hier täglich im Wandel.

„The Swallow“ – „Die Schwalbe“, der jüngste und im April 2016 herausgekommene Film des Schweizer Regisseurs mit kurdisch-syrischen Wurzeln, Mano Khalil, spielt im irakischen Kurdistan und wurde von der „Euregio-Students“-Jury zum Sieger des Film Festivals 2016 gekürt. Das Euregio-Team hat die einmalige Gelegenheit, sich anlässlich der offiziellen Siegerehrung des Films mit dem Regisseur zu unterhalten.

Euregio: „The shallow - Die Schwalbe - La rondine“. Wir sprechen über einen Film voller Intensität, einen mutigen, bedeutungsvollen Film, der niemanden verschont. (LINK trailer: https://www.youtube.com/watch?v=asLUkpOTGRA). Erzählen Sie uns vom schwierigen Verhältnis zwischen den Kurden und den Irakern nach den Fall von Saddam. „Serok dschahsch…“ – die Todesschwadrone. Besteht diese Wunde auch heute noch?

Mano Khalil: „Ich habe versucht, einen politisch korrekten Film zu drehen, der dem Zuschauer die Verantwortung und das Recht überlässt, sich selbst eine Meinung zu bilden. Es ist meiner Meinung nach nicht Aufgabe eines Regisseurs, zu sagen, was richtig und was falsch ist... Ich erzähle eine möglichst wahrheitsgetreue Geschichte und lasse den Zuschauer frei, zu denken, was er will. Und wissen Sie, warum? Meine Zuschauer sind verdammt intelligent und brauchen niemanden, der ihnen den Weg weist!“ Aber nun zum Fim: Eine junge Schweizerin namens Mira findet zufällig auf dem Dachboden ihres Geburtshauses in Bern Briefe mit dem Schriftwechsel zwischen ihrem Vater (einem irakenischen Kurden) und ihrer Mutter (einer Schweizerin), die ein Datum tragen, zu dem ihr Vater gemäß der Erzählung der Mutter bereits als Held im Kampf gegen die Saddam-Milizen gestorben sein sollte. Sie reist Hals über Kopf nach Kurdistan, um nach der Wahrheit zu suchen, die ihr so lange Zeit verschwiegen worden war. Dort entdeckt sie allerdings eine unerwartete und anfangs verstörende Tatsache: Ihr Vater lebt zwar, ist aber gar nicht der Held ihrer Träume, der Rächer der Gerechten! Er ist hingegen ein „Serok dschahsch“, ein Verräter im Sold von Saddam, der seine eigenen kurdischen Brüder verfolgte, folterte und tötete, und das seit 1980, dem Jahr in dem sich Saddam, dessen Truppen sich damals wegen des Irankriegs zum größten Teil im Südirak befanden, der „Unterstützung“ der Todesschwadrone bediente, die aus kurdischen Söldnern bestanden. „Diese erschreckenden Säuberungsaktionen liefen bis 1991, d. h. bis zur irakischen Invasion Kuwaits und dem Zweiten Golfkrieg, nach dessen Ende die Amerikaner die kurdischen Gebiete zur Flugverbotszone erklärten und der Präsident von Kurdistan zur Abwendung eines Bürgerkriegs den kurdischen Verrätern eine Amnestie erteilte und diese somit praktisch rehabilitierte. Diese Verräter leben heute – so wie Miras Vater im Film – unbehelligt unter uns und haben die Taschen voller Geld, das sie mit den Gewalttaten gegen ihr eigenes Volk verdient haben…und das ist nicht gut. Die Opfer können nicht verzeihen, wenn die Täter nicht um Vergebung bitten oder nicht einmal irgendeine Art der Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen. Ich denke dabei zum Beispiel an die von Mandela errichtete „Kommision für Wahrheit und Versöhnung“: Dieses außerordentliche Gericht wurde in Südafrika nach Ende der Apartheid eingerichtet, um die Zeugnisse der Opfer und Täter der von beiden Seiten während der Apartheid verübten Verbrechen einzuholen und um die Vergebung dieser Taten zu bitten und (wenn möglich) zu gewähren. Dabei ging es nicht nur um die rechtlichen Aspekte, sondern um eine echte Versöhnung der Opfer mit den Tätern, der Unterdrückten mit ihren Unterdrückern.“

Euregio: Schweiz-Kurdistan. Könnten wir es auch so formulieren, dass der Film schlussendlich das Verhältnis zwischen allen Nord-Situationen und allen Süd-Situationen der Welt beschreibt ? Bozen-Palermo genauso wie Deutschland-Griechenland oder USA-Südamerika… Zwei Welten mit positiven und negativen Werten, die sich gegenseitig aufzuheben scheinen, sobald ihnen ermöglicht wird, in einen konstruktiven Dialog zu treten; ein Umstand, der aber gerade in diesen Zeiten in weite Ferne gerückt ist.

Mano Khalil: „Ja, damit bin ich einverstanden. Heute lebe ich in der Schweiz, ich hätte das früher nie gelaubt. Aber nachdem ich versucht habe, in Kurdistan zu arbeiten, musste ich fliehen. Ich habe diesen Umstand als ein Zeichen dafür gedeutet, dass ich eine neue Rolle für mich finden musste: die Rolle eines Brückenbauers zwischen diesen beiden Kulturen, zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd. Ich glaube, als Regisseur habe ich die Aufgabe, diese beiden Welten miteinander bekannt zu machen, denn durch das Kennenlernen des Anderen schwindet das Misstrauen und die Angst. Manchmal wird das Andere auch zu einer Quelle der persönlichen Bereicherung, so wie das in meinem Film bei Mira passiert. Nach ihrer Landung führt sie ihr erstes Gespräch mit einem Taxifahrer, mit dem sie den Fahrpreis aushandeln will, wie man es mit einem fliegenden Händler am Strand macht. Mit der Antwort des Taxifahrers „Geld allein macht nicht glücklich!“ kann sie zuerst nichts anfangen. Aber dann sieht, sucht und versteht sie vieles … und kehrt als ein anderer Mensch nach Bern zurück, als eine selbstsichere Frau, die weiß, was sie im Leben will. Die Freude ist ein Gefühl, ein Seelenzustand, der nicht von Geld abhängt!“

Euregio: „Der Zweck heiligt die Mittel“ – ein Satz, der in der Literatur dem Schriftsteller Macchiavelli in seinem Werk „Der Fürst“ zugesprochen wird. Im Gegensatz dazu lesen wir aus Ihrem Film die Verurteilung sämtlicher Gewalttaten heraus, woher und von wem auch immer sie kommen, auch wenn sie von edlen Beweggründen legitimiert scheinen…

Mano Khalil: „Selbstverständlich! Ethik und Respekt sind meiner Auffassung nach alles. Sie fehlen heute so sehr! Ich denke dabei an die Politik, die seit jeher vor jedem Barrel Erdöl auf die Knie geht und bereit ist, ihre Werte zu verleugnen und die Augen vor der Evidenz zu verschließen…ich kann das nicht akzeptieren! Wenn ich nur an die pompösen Zeremonien denke, wenn gewisse Persönlichkeiten aus dem Nahen Osten im Westen auf Staatsbesuch sind, die Religion und Ideologie vermischen, notorische Verbrecher und Mörder sind und vor aller Augen den IS fördern! Wollen Sie ein Besipiel? Der türkische Staatspräsident Erdogan. Es ist gut, dass Europa die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eingefroren hat. Noch besser wäre es, wenn es sich nicht von Erdogan wegen des Flüchtlingsabkommens erpressen ließe, gemäß dem die Türkei gegen Geld, und zwar viel Geld, den Flüchtlingsstrom aufhalten soll. Ich habe allerdings noch nicht verstanden, wie Erdogan diese von der EU entrichteten Gelder einsetzt. Vor Ort sieht man nämlich nur den Einsatz, die Arbeit und Einrichtungen des UNCHR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, A. d. R.).“

Seit am 17. Oktober 2016 die Offensive zur Vertreibung des IS aus Mossul begonnen hat, steht allerdings die Rettung der fliehenden Zivilbevölkerung im Vordergrund, darunter viele Familien mit Kindern. Nachstehend einige Passagen aus der Website von TPI (The Post Internazionale)

Um den vollständigen Text zu lesen, klicken Sie auf folgenden Link: http://www.tpi.it/mondo/iraq/ultimi-aggiornamenti-offensiva-mosul-isis

Am Montag, dem 17. Oktober 2016 begann in den frühen Morgenstunden die Offensive, um Mossul, die zweitgrößte irakische Stadt der Miliz des sogenannten Islamischen Staats zu entreißen, die sie seit 2014 zu ihrer Hauptstadt erkoren hat.

An dieser groß angelegten Kampagne nehmen über 30.000 Kämpfer teil: das irakische Militär, kurdische Peschmerga, freiwillige christliche Truppen, schiitische Milizen und Kämpfer der sunnitischen Stämme. An der Offensive sind auch Truppen der von den USA angeführten internationalen Anti-IS-Koalition beteiligt, um Beistand und Unterstützung zu leisten.

28.11.2016

Nach sechs Wochen Offensive haben die irakischen Truppen die Hälfte der östlichen Stadtviertel unter ihrer Kontrolle. Die Sondertruppen nehmen jedoch die Zivilbevölkerung unter die Lupe, um zu kontrollieren, dass sich keine Angehörigen der Terrormiliz darunter verstecken. Hunderte Männer mussten nicht nur ihre Ausweise vorzeigen, sondern auch ihre T-shirts und Hemden hochziehen, um zu beweisen, dass sie keine Sprengstoffgürtel tragen. Die Spitze des irakischen Militärs gab inzwischen bekannt, dass seit Anfang der Kampagne fast tausend Dschihadisten getötet wurden.


Migranten – Grenzen – Mauern. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war das Symbol par excellence für das Ende des Kalten Krieges und somit des ideologischen Konfliktes zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Aber seither wurden viele andere Mauern zu dem Zweck errichtet, andere „auszuschließen“, sich zu „schützen“, anderen Ideologien keinen Zugang zu gewähren oder zu verhindern, dass den Ortsansässigen durch die Migranten, die in der Fremde auf bessere Chancen hoffen, der „Vorrang“ abhanden geht.

Zur Vorbereitung auf das Gespräch mit Gianluca Wallisch möchten wir noch zwei kurze Reflexionen über zwei sehr verschiedene historische Momente vorausschicken: Eine über den Essay „9 agosto 378 – Il giorno dei Barbari“ des Hiostorikers Alessandro Barbero und die andere über die anlässlich des Wirtschaftsfestivals 2016 in Trient von Adriano Prosperi angestellten Überlegungen zum Thema „Religiöse Konflikte, Migration und Wachstum“. Diese Reflexionen sollen dem Leser einen Einblick in zwei zeitlich weit von uns entfernte Welten bieten und zum Nachdenken stimmen, so dass jeder dann selbst seine Folgerungen ziehen kann.

Beginnen wir mit der ersten historischen Reflexion: Am 9. August 378 wurde das Heer des oströmischen Kaisers Valens in der Schlacht von Adrianopel in der römischen Provinz Thrakien von den gotischen Truppen unter dem Befehlshaber Fritigern buchstäblich niedergemetzelt. An diesem Tag begann der langsame, aber unabwendbare Niedergang des Weströmischen Reichs und ab diesem Zeitpunkt ging die Völkerwanderung mit Gewalt einher und war nicht mehr aufzuhalten. All dies ereignete sich in dem historischen Moment, in dem sich die Politik des Römischen Reichs radikal änderte: Zuvor war diese Politik auf fließende Grenzen und eine bewusste Assimilierung der Barbarenvölker jenseits des Rheins und der Donau ausgerichtet, welche im Gegenzug zu ihrer Loyalität gegenüber den Gesetzen und Institutionen des Römischen Reichs sowie zu ihrer Bereitschaft, sich ins römische Heer rekrutieren zu lassen, die aus dem Status eines Römischen Bürgers erwachsenden kulturellen und wirtschaftlichen Vorteile genießen durften. Aber danach ging es nur noch darum, die Grenzen hartnäckig zu verteidigen und die in den Randgebieten des Reichs vordringenden Völker zurückzudrängen, was zur Intoleranz gegenüber den Barbaren und zum Krieg gegen die aufständischen Flüchtlinge führte.

Die zweite Reflexion fußt auf dem Referat, das der Historiker und Journalist Adriano Prosperi anlässlich des Wirtschaftsfestivals in Trient gehalten hat. Derzeit befinden sich 60 Millionen Menschen in Migration, darunter 20 Millionen politische Flüchtlinge. Die Hauptursachen dafür sind religiöser Fanatismus, Armut und politische Instabilität, also nichts Neues, wie ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt: Nach der Reconquista durch die Katholischen Könige Ferdinand und Isabella von Spanien und dem Fall von Granada (und damit auch des maurischen Herrschaftsgebietes Al-Andalùs) im Jahr 1492 wurden 200.000 Juden und 300.000-400.000 Muslime aus dem Land vertrieben, die mit wenigen Habseligkeiten ihre Heimat verließen und sich auf improvisierten Wasserfahrzeugen auf die Suche nach einer neuen Bleibe begaben. Diese fanden sie jedoch nur sehr schwer, denn in jener Zeit hat die moderne Auffassung der auf der religiösen und ethnischen Einheit fußenden nationalen Identität ihren Ursprung. Nur wenige aufgeklärte Herrscher boten diesen Flüchtlingen eine neue Heimat, wobei ihnen übrigens eine erfolgreiche Integration in die lokale Lebenswelt gelang. Beispielhaft waren der Sultan von Istanbul, der Doge von Venedig und der Großherzog der Toskana, unter dem die Juden für die Schaffung und Einführung der Handelstätigkeiten im Hafen von Livorno eingesetzt wurden.

Aber kommen wir nun zur Sache: Herr Wallisch, welchen Sinn hat es, in der Zeit der Globalisierung Mauern zu errichten? Heutzutage scheint die Politik der Europäischen Union wirklich absurd: Einerseits wird lauthals erklärt, dass man nur die Außengrenzen beibehalten und die Binnengrenzen zwischen den Mitgliedstaaten abschaffen will, andererseits zielen die konkreten Handlungen auf das Gegenteil ab. Solange dies in Zeiten geschah, in denen es keine großen politischen Umwälzungen gab, lief alles glatt. Aber jetzt, wo es auf allen Ebenen Spannungen gibt, werden in den einzelnen Mitgliedstaaten verschiedene populistische Bewegungen stark, die sich auf die Logik der „Selbstverteidigung“ berufen und damit genau die Art und Weise meinen, die in der Vergangenheit immer zur Abschottung angewandt wurde, nämlich den Mauerbau an den Staatsgrenzen. Diese Denkweise macht jedoch die grundlegenden Prinzipien der EU zunichte, nur um zu den alten Vorstellungen zurückzukehren, die vor 1957 galten, d. h. vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge, mit denen die Geschichte der heutigen EU ihren Anfang nahm. In diesem Zusammenhang möchte ich einen Satz des vor Kurzem verstorbenen ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Walter Scheel zitieren, um den Unterschied zwischen einer verantwortungsvollen und einer populistischen Politik hervorzuheben: „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“ Populisten tun genau das Gegenteil: Sie treffen politische Entscheidungen „aus dem Bauch des Volkes“ heraus.

Wenn wir unseren Blick auf die USA richten, lassen sich da Parallelen zur Politik des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump feststellen? Selbstverständlich! In diesem Fall würde ich jedoch behaupten, dass Trump von den europäischen Populisten abgeschaut hat und nicht umgekehrt, und natürlich seinen Populismus auf die amerikanische Mentalität abstimmt. Er spricht den älteren, gegenüber den vorstrebenden jungen Liberalen argwöhnischen Durchschnittswähler an, welcher ihm für seinen Mut dankt, zu sagen, was er denkt, und eine präzise Meinung zu vertreten, ohne sich einschüchtern zu lassen. Zu Trumps Vorhaben zählt übrigens auch der Bau einer unüberwindbaren Mauer an der Grenze zu Mexiko…

Gehen wird nun von der mexikanischen Grenze zum Brenner über, einem Thema, das uns alle konkret betrifft. Was hat sich seit dem vergangenen Frühjahr geändert und was wird sich noch ändern? Eigentlich recht wenig und ich wage zu behaupten, dass sich – so wie es jetzt aussieht – auch wenig ändern wird. Österreich hat in diesem Zusammenhang Druck auf Italien und die EU ausgeübt, damit Italien wohl oder übel noch stärker als Auffangbecken der Migration fungieren soll. Dies fiel außerdem mit der Neubildung der österreichischen Regierung im Jänner 2016 zusammen, in deren Rahmen der neue Innenminister Wolfgang Sobotka und der neue Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil ernannt wurden. Mit dieser Machtbekundung wollte sich Österreich profilieren und auch seine Position gegenüber der Politik der Bundeskanzlerin Angela Merkel klar zum Ausdruck bringen. Das Ergebnis dieser Politik war die Schließung der Balkanroute und der spürbare Dominoeffekt auf Italien und Griechenland.

Kommen wir nun zur Position Italiens und zum jüngst in Ventotene abgehaltenen Gipfeltreffen von Renzi, Merkel und Hollande. Italien hat seit vielen Jahren auf EU-Ebene betont, dass die ans Mittelmeer grenzenden Länder nicht alleine den stets ansteigenden Flüchtlingsstrom auffangen können, aber es ist immer auf taube Ohren gestoßen. Die EU hat bis jetzt nur einige wenige Verlautbarungen von sich gegeben, jedoch keine wirkliche Hilfe geleistet. In Ventotene kam es selbstverständlich nicht zu einem Kurswechsel, aber zumindest hatte dieser Gipfel einen symbolischen und medialen Wert, um Italien wieder als einen der europäischen Protagonisten zu zeigen. Eine tatsächliche Veränderung geht nur sehr langsam vor sich, denn es müssen viel zu viele Hürden überwunden werden, d. h. die Interessen der einzelnen Mitgliedstaaten, die derzeit gegenüber einem nicht näher definierten Gemeinwohl vorwiegen. Die Europäische Union muss demnach an zwei Aspekten arbeiten, indem sie diese auf eine neue Art und Weise und mit einer anderen ideologischen Ausrichtung angeht: Erstens muss sie – zumindest teilweise – das allgemeine Einstimmigkeitsprinzip überwinden, das es kleinen Staaten ermöglicht, große Projekte für ein gemeinsames Wachstum zu blockieren, und zweitens muss eine neue und gemeinsame Identität geschaffen werden. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die Europäische Union imstande ist, sich zu erneuern, wenn diese schwere Zeit der Unsicherheit vorbei ist. Denn neue Probleme lassen sich nicht mit alten Ideen lösen.

Laden Sie hier die am 21. August 2016 in Alpbach von den drei Landeshauptleuten der Europaregion unterzeichnete und dem Präsidenten der EU-Kommission Juncker überreichte Resolution über die Immigration herunter.


Sudan und Südsudan- Raffaele Crocco gibt Einblicke in dieses Schreckensszenario.

Sudan und Südsudan: islamisch-arabischer Norden und christlich-animistisch geprägter subsaharischer Süden: Zwei unterschiedliche Länder, die von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien zum Zusammenleben gezwungen wurden. Die Ursache des Konflikts liegt darin und ebenso in den Ansprüchen sich einen möglichst großen Anteil am Ölmarkt zu sichern.

Doch der Reihe nach: ab 1867 regierte ein osmanischer Vizekönig über das Königreich Ägypten und den Sudan, dessen Unabhängigkeit zwar nur auf dem Papier bestand, jedoch keine besonderen Konflikte mit anderen Mächten auslöste. Die Lage änderte sich abrupt als 1879 Großbritannien das Land besetzte, um die Kontrolle über den Suezkanal – den kürzesten Weg nach Indien – zu erlangen, und lange Zeit auch die Herrschaft über das Land behielt. In seiner Eigenschaft als Hochkommissariat erklärte London den Sudan zum britisch-ägyptischen Kondominium, d. h. der Sudan gehörte zu Ägypten, das gemeinsam mit Großbritannien über das Land herrschte. Diese Machtverhältnisse änderten sich trotz der vielen blutigen Aufstände und Unabhängigkeitsbestrebungen auch nach Ende des Ersten Weltkrieges nicht. 1946 verschlechterte sich die Situation, denn die ehemaligen Kolonialherren hatten Interesse daran, den Norden und den Süden des Sudan nicht mehr als zwei unterschiedliche Länder zu regieren, sondern diese unter einer einzigen Verwaltung zu vereinen. Einen Tiefpunkt erreichte man 1972 als der Norden das Gesetz der Shari’a über den gesamten Sudan verhängte. Das Blutvergießen begann; es wurde der Notstand ausgerufen und Sondergerichte eingesetzt, um allen Nicht-Muslimen den Prozess zu machen.

Es folgte eine endlose Reihe von Bürgerkriegen, bis am 9. Juli 2011 – infolge einer Volksbefragung – die Republik Südsudan gegründet wurde. Man möchte glauben, dass nun Frieden herrscht. Dem ist nicht so, denn der wichtigste Streitpunkt ist nun die Vorherrschaft über die Erdölvorkommen, über die der Südsudan reichlich verfügt. Die Anlagen und die erforderliche Logistik, um das Erdöl raffinieren und exportieren zu können, liegen allerdings im Norden des Landes. Man sollte meinen, dass zumindest im neu gegründeten Staat Südsudan endlich Frieden eingekehrt ist, doch das Gegenteil ist der Fall: seit 2013 tobt erneut ein Bürgerkrieg. Es stehen sich das Volk der Dinka und das rebellierende Volk der Nuer gegenüber. Ersteres unterstützt den Staatspräsidenten Salva Kiir, der den Dinka angehört, letzteres den Vizepräsidenten Riek Machar, der den Nuer angehört. Ein Krieg der jeden fünften Einwohner zur Flucht bewogen hat und Massaker ohne Ende nach sich zieht. Die Vereinten Nationen beklagen, dass in den Flüchtlingslagern extreme Zustände herrschen, dass Massenvergewaltigungen an der Tagesordnung sind, zu denen der Präsident angeblich seine Truppen „ermächtigt“ haben soll, sozusagen als Entlohnung für den Einsatz gegen die Rebellen. Auch das Nachbarland Äthiopien klagt über Razzien, Gewalt und Kinderentführungen seitens bewaffneter Gruppen aus den Grenzgebieten des Südsudan.

Wir sprechen mit Raffaele Crocco, Journalist für Rai 3 Region, an einem sonnigen Nachmittag in Trient, das sich gerade mit Hochdruck auf die bevorstehenden Feste Vigiliane vorbereitet. Raffaele Crocco ist Gründer und gleichzeitig Chefredakteur des Atlante delle guerre e dei conflitti nel mondo. Ein Projekt, in dem Crocco seine Erfahrungen als Kriegsberichterstatter in Südamerika, Slowenien, Kroatien, Kosovo und Israel-Palestina verarbeitet. Wir haben kaum Zeit, ein Mineralwasser zu bestellen, dass Raffaele Crocco gleich mit der Schilderung der Lage im Sudan beginnt. Er schafft es mit einfachen und wenigen Worten, eine Realität zu schildern, die vielschichtig und komplex ist.

Crocco: Die Geschichte des Sudan ist ein Paradebeispiel für die Fehler, die die europäischen Mächte bei der Verwaltung afrikanischer Ländern begangen haben, denn als sie bereits ihren Rückzug angetreten hatten, waren sie bestrebt, Gebietsabgrenzungen zu hinterlassen, die ihrer eurozentrischen Sichtweise und ihren unmittelbaren Interessen entsprachen. Die Europäer haben nämlich diesen weitläufigen Teil Afrikas stets als Verlängerung Ägyptens – das Land mit dem größten Wasservorkommen in Afrika, dem Nil – betrachtet. Das war damals und ist heute noch ein gravierender Fehler, denn der Sudan erstreckt sich auch heute noch über ein riesiges Gebiet mit unterschiedlichen und gegensätzlichen Kulturen und Traditionen. Die Führung des Landes hat bis heute noch kein angemessenes Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Instanzen gefunden und wahrscheinlich auch gar nicht angestrebt. Bis 2011 haben die europäischen Mächte dieses weitläufige Gebiet fast ausschließlich als potentiellen Öllieferanten (den Südsudan) und als Standort der erforderlichen Logistik (den Norden) betrachtet, ohne die rücksichtslose Ausbeutung, den regelrechten innerstaatlichen Kolonialismus seitens des Nordens gegenüber des Südens wahrzunehmen bzw. indem dieser nunmehr zwanzigjährige Bürgerkrieg mit über 2 Millionen Opfern und 6 Millionen Flüchtlingen einfach akzeptiert und toleriert wurde. Dazu kommen noch 120.000 Vertriebene und 124 niedergebrannte Dörfer allein in den vergangenen vier Wochen wegen des Konflikts in Darfur (einer historischen in der Sahara liegenden Region des Sudans im Südwesten des Landes). Hier wird mit Gewalttaten, Vergewaltigungen, Bombardierungen und ständigen Verletzungen der Menschenrechte ein gezielter Völkermord begangen, der 2011 zeitgleich mit dem Unabhängigkeitskrieg des Südsudan begann, als die Unabhängigkeitsforderungen von Darfur samt Schutz seiner besonderen Traditionen der Saharabevölkerung einfach ignoriert wurden.“

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, einige Sätze zur dramatischen Lage in Darfur einzuschieben. Im Wesentlichen geht die Auseinandersetzung auf eine unfaire Verteilung der Wasser- und Nahrungsmittelressourcen zurück, und zwar zum Vorteil der arabischen Minderheit und zum Nachteil der afrikanischen Mehrheit. Die auf allen Ebenen gegenüber der afrikanischen Bevölkerung herrschende Diskriminierung führte zum Aufstand seitens verschiedener Gruppen von Rebellen. Auslöser war der Überfall dieser Rebellen auf eine Regierungsgarnison in Al-Fashir (ehem. Hauptstadt von Darfur) im April 2003. Nach mehreren Versuchen der Regierungstruppen die Rebellen zu besiegen, gelang ein Durchbruch erst mit der strategischen Entscheidung, die furchteinflößende Dschandschawid Miliz einzusetzen, eine bewaffnete Miliz von Hirtennomaden, auf die die Regierung auch zur Unterdrückung interner Aufstände mit Erfolg zurückgegriffen hatte.

Die Lage spitzte sich sehr schnell zu: Im Frühjahr 2004 wurden Tausende Menschen, hauptsächlich Nicht-Araber, getötet und mehr als eine Million Menschen vertrieben, was eine schwerwiegende humanitäre Krise auslöste. Die Regierung des Sudan missachtet ständig internationale Abkommen und UNO-Resolutionen, denn sie kann auf die Unterstützung von China zählen, das ihr größter Lieferant für Waffen und Kriegstechnologie ist, und bombardiert weiterhin die Zivilbevölkerung in Darfur. Heute leben hier nur mehr wenige Personen, die älter als 35 Jahre sind, und jeden Tag sterben durchschnittlich 75 Kinder. 2016 wurden 124 Dörfer niedergebrannt und allein in den letzten 4 Wochen 120.000 Personen vertrieben. Wir stehen vor einem Massaker, das das Ausmaß eines Völkermordes bereits erreicht hat. Währenddessen Karthoum (Hauptstadt des Sudan) hartnäckig dementiert...

Crocco: Zurück zur Frage der Nuba, eine aus mehreren Völkern bestehende Gruppe, die im Nuba-Gebirge an der Grenze zwischen Sudan und Südsudan lebt und sich über Jahrhunderte gegen die Sklavenhändler wehren musste. Sie haben ihre eigenen Traditionen, darunter it insbesondere das Ringen; eine Gelegenheit, bei der sie auch ihre außerordentlichen Körperbemalungen zeigen. Innerhalb der sudanesischen Gesellschaft werden sie diskriminiert und gelten als minderwertige Bürger. Ab den 70er Jahren wurde ihr Heimatgebiet von Geschäftemachern besetzt und geplündert, die mit der islamischen Regierung unter einer Decke stecken. Diese wiederum verfolgt, inhaftiert und ermordet jeden, der sich weigert, sein Land abzutreten. Wie schon die Bevölkerung von Darfur wurden auch die Nuba anlässlich der Volksbefragung von 2011 völlig außer Acht gelassen.

Zusammenfassend herrschen im Sudan gegenwärtig folgende Konflikte:

1. Schleichender und latenter Krieg zwischen Sudan und Südsudan um die Ölvorkommen;

2. Bürgerkrieg im Südsudan zwischen dem Stamm der Dinka und dem Stamm der Nuer mit 600.000 Flüchtlingen, die in ein Gebiet an der Grenze zu Uganda und oft auch darüber hinaus fliehen mussten;

3. Völkermord in Darfur seitens der Regierung Sudans;

4. Massaker der Nuba-Völker seitens Regierungstruppen.“

Aus der Vergangenheit soll man lernen und folgende Lehre ziehen: Die Ursache für diese endlosen Bürgerkriege liegt hauptsächlich in der Vorgehensweise der europäischen Kolonialmächte nach dem Ersten Weltkrieg, die die Völker dieses Gebietes mit einem einfachen Bleistiftstrich auf der Landkarte zusammengeführt haben, ohne ihnen die Freiheit zu gewähren, sich selbständig aufgrund ihrer sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeit zu vereinen.


Syrien – Ein Gespräch mit Guido Olimpio über die derzeitige Situation

Es ist schwer zu sagen, was in Syrien passiert; es steht zu viel auf dem Spiel. Auf einer Seite ist die Regierung von Baschar al-Assad, der bis vor Kurzem als „der zu beseitigende Diktator“ galt und heute beinahe als „Schutzwall“ gegen die Ausbreitung des IS-Kalifats angesehen wird. Auf der anderen Seite sind die Rebellen, die wir während der Belagerung von Homs als Freiheitskämpfer angesehen haben und heute nicht mehr imstande sind, richtig einzuschätzen, auch weil im Laufe des syrischen Bürgerkriegs verschiedene extremistische Gruppen – wie der Al-Qaida-Ableger Al-Nusra-Front – hinzugekommen sind. Und dann ist es zur Zerstörung der archäologischen Stätte von Palmyra – ein Symbol unserer Mittelmeerkultur – gekommen, die nun gerade von den Regierungstruppen befreit wurde… Die Situation ist also alles andere als klar. Die Guten von den Bösen zu unterscheiden, ist noch schwieriger geworden, seitdem Assad seine Bereitschaft mehrmals erklärt – und zurückgezogen –- hat, zusammen mit der Opposition zu regieren und die vor kurzem noch bekriegten Parteien einzubeziehen. Inzwischen dauert der Bürgerkrieg über fünf Jahre, und zwar seit dem 6. März 2011, als eine Gruppe von Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren in Dar’a (einer südsyrischen Stadt mit mehrheitlich sunnitischer Bevölkerung) die Worte „Das Volk will das Regime stürzen“ auf die Schulwand schrieb.

Vorher war die Lage viel übersichtlicher. Vor dem 1. Weltkrieg gehörte das gesamte Gebiet dem Osmanischen Reich an, das bereits damals eigentlich nur die heutige Türkei, Palästina, Libanon, Syrien, Irak und einen Teil Saudi-Arabiens umfasste. In der Hoffnung, die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern, schlossen die Türken ein Kriegsbündnis mit Deutschland und Österreich-Ungarn, was den endgültigen Untergang ihres Reiches zur Folge hatte, denn die geheime Übereinkunft zwischen Großbritannien und Frankreich (Sykes-Picot-Abkommen) aus dem Jahre 1916 sah anstelle eines umfassenden Arabischen Staates die Aufteilung des Osmanischen Reiches unter die europäischen Siegermächte vor: Frankreich übernahm sodann die Herrschaft über Syrien und Libanon, während Großbritannien die Herrschaft über Irak, Jordanien und Palästina zuerkannt wurde.

Das Euregio-Team hat das Privileg, im Gespräch mit Guido Olimpio – jahrelang Korrespondent der Tageszeitung Corriere della Sera aus dem Nahen Osten und heute aus den USA sowie Autor mehrerer Essays – die Entstehung der derzeitigen Situation in Syrien und die möglichen Szenarien für die nächste Zukunft zu analysieren.

Olimpio: Die syrische und die irakische Krise – die miteinander eng verbunden sind – haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit, als der gesamte Nahe Osten nach dem 1. Weltkrieg unter die Siegermächte willkürlich aufgeteilt wurde, ohne die ethnische und konfessionelle Struktur dieser Region zu berücksichtigen. Die ungelösten Konflikte wurden sodann jahrzehntelang durch diktatorische Regime unterdrückt. Als aber diese Diktaturen fielen, kümmerten sich die einzelnen Parteien ausschließlich um die eigenen Interessen, ohne an das gemeinsame Wohl zu denken, wobei sie oft von außen unterstützt und finanziert wurden. Dann ist auch der ISIS ins Spiel gekommen, und die Lage hat sich zugespitzt.

Euregio: Wie bewerten Sie das Phänomen ISIS -Daesh-Islamischer Staat?

Olimpio: Es wäre oberflächlich, den Islamischen Staat ausschließlich als das Resultat politischer Manipulation von außen zu betrachten. Diese Bewegung ist nämlich Ausdruck des Unbehagens eines Teils der (sunnitischen) Bevölkerung im betroffenen Gebiet und nicht nur, denn der Islamische Staat konnte auch unzufriedene junge Muslime ansprechen, die im Westen geboren und aufgewachsen sind. Zugleich sind in diesem Rahmen gewöhnliche Verbrecher zu Jihad-Kämpfern geworden, wie die Terroranschläge in Paris und Brüssel gezeigt haben. Dieser Aspekt ist von grundlegender Bedeutung, um den ISIS effektiv zu bekämpfen.

Euregio: Wie würden Sie die derzeitige Situation beschreiben?

Olimpio: Die Situation ist äußerst komplex und lässt sich nicht schematisch einordnen. Im Nahen Osten ist nichts schwarz oder weiß, überall ist Grau die vorwiegende Farbe. Es ist eine verschwommene Lage. Die betroffenen Länder sind gesellschaftlich und politisch stark gespalten, die einzelnen Akteure verfolgen entgegengesetzte Ziele: die Sunniten, die Schiiten, aber auch die Kurden. Aus diesem Grund denken manche Vertreter der internationalen Gemeinschaft an eine mögliche Aufteilung Iraks, die unmittelbare Folgen auch für Syrien haben würde, mit der Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, denn solche Lösungen haben sich mittel- und langfristig nicht bewährt. Dabei nehmen die Westmächte seit jeher eine wechselnde Haltung ein, die ausschließlich auf Sicherheits- und wirtschaftliche Gründe zurückzuführen ist, insbesondere was das Erdöl betrifft. Assad heute? In den letzten Jahren haben die verschiedenen Regime der Region (Assad, al-Sisi, aber auch Gadaffi) stets eine zweideutige Stellung eingenommen. Es ist kein Geheimnis, dass der syrische Diktator nach der verwerflichen Invasion Iraks durch die USA im Jahre 2003 die Jihadisten, die er heute bekämpft, unterstützte, weil es für ihn günstig war, dass sie auf die Amerikaner schossen. Inzwischen haben die westlichen Staaten ihre Meinung geändert: Während sie vorher den sofortigen Rücktritt des Diktators forderten, sind sie nun bereit, ihm Zeit zu geben, weil sie ein Machtvakuum und einen Vorstoß des Islamischen Staates befürchten. Putin unterstützt seinerseits Assads Regierung aus strategischen Gründen. Das sind alles Teillösungen. Der ISIS ist ein Symptom der Krankheit, nicht die Krankheit selbst. Es hat wenig Sinn, es zu bekämpfen, wenn man die Krankheit (d. h. den Unmut und die Spannungen, die darunter liegen) nicht beseitigt.

Euregio: Welche möglichen Auswege sehen Sie, wenn überhaupt…?

Olimpio: Wenn man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, sollte man sich dafür einsetzen, dass alle involvierten Parteien zusammenkommen. Zur Zeit scheint dies aber höchst unwahrscheinlich... Die Erfahrung zeigt, dass die Opfer eines soeben erst beendeten oder noch laufenden Kriegs nicht imstande sind, einander die Hand zu reichen. Allerdings glaube ich, dass dieser Weg mittelfristig der einzig mögliche ist: Wenn die verfeindeten Akteure vor Ort von diesem Krieg nicht mehr profitieren können, werden vielleicht die Voraussetzungen gegeben sein, um sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam eine Lösung zu suchen. Solange aber die örtlichen Akteure überzeugt sind, den Feind mit Gewalt zu besiegen, wird der Krieg nicht enden. Die Westmächte sollten meines Erachtens am Rande dieses Prozesses bleiben, um nicht den am Ende des 1. Weltkriegs begangenen Fehler einer von außen aufgezwungenen Lösung zu wiederholen sowie um zu vermeiden, dass eine westliche Einmischung von den örtlichen Regierungen als Alibi für ihr eventuelles Scheitern oder für ihre Unfähigkeit, für das Gemeinwohl der Bevölkerung zu sorgen, herangezogen wird.


Der Balkan gestern und heute

Der Keim für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Die Länder Südosteuropas werden seit jeher einfach „Balkan“ genannt, obwohl diese Bezeichnung eigentlich nicht korrekt und eine Geschichtsfälschung ist, wie Edvard Cucek in www.atlanteguerre.it anmerkt: Der Name geht auf einen Gebirgszug im Norden Bulgariens zurück. Doch das ist noch das kleinste Problem. Ethnische, religiöse und geografische Konflikte sind und waren schon immer das wahre Problem. Ethnische Konflikte, weil sich in diesem Teil der Welt bereits seit der Antike die Migrationsflüsse verschiedener Völker kreuzten; religiöse Konflikte, weil dieses Gebiet immer wieder von Gläubigen und Muslimen erobert wurde und geografische Konflikte, weil die verschiedenen Völker stets auch gekämpft haben, um sich einen Teil der wenigen und deshalb wichtigen Zugänge zum Meer zu sichern. Serbien war 1912 und 1913 der Schauplatz zweier Balkankriege. Serbien wollte der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Österreich-Ungarn durch die Eroberung eines Adriazugangs auf Kosten Albaniens entkommen. Österreich war darüber nicht erfreut und forderte Serbien am 18. Oktober 1913 mit einem Ultimatum auf Albanien zu räumen. Serbien beugte sich damals dieser Aufforderung, doch der Keim für das Attentat von Sarajevo und damit für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges war gesät.

Nach Tito entflammen die Nationalismen

Zu den Balkanländern zählen heute im Süden Teile der Türkei, Bulgariens, Rumäniens, Griechenlands, Albaniens und des ehemaligen Jugoslawien, das nun in Serbien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien, Kroatien und Slowenien aufgeteilt ist, und im Osten ein Teil Ungarns. Nach dem Tod von Marschall Tito im Jahr 1980, der mit seiner zentralistischen Politik die Einheit des Nationalstaates wahren konnte, entflammten die gegensätzlichen Nationalismen und mündeten in die blutigen Kriege von 1988-1989. Der Serbe Slobodan Milošević begann einen blutigen und grausamen Krieg, dessen Hintergründe dem Westen lange Zeit verborgen blieben.

Werfen wir nun einen Blick nach Bosnien-Herzegowina, um über den Versuch zu berichten, durch die gemeinsame Aufarbeitung der Ereignisse der Vergangenheit die Nationalismen zu beruhigen und offene Wunden zu schließen, denn die Geschichte der Erinnerungen hat im Aussöhnungsprozess der Nachkriegszeit eine große Bedeutung. Der Leser soll sich selbst angesichts der nachstehenden Erläuterungen eine Meinung über die aktuelle Lage bilden.

Die Gemeinsame Verarbeitung der Ereignisse

Im Jahr 2005 wurde die Stiftung Museo Storico Trentino von Prijedor, einer Stadt im Norden der Republika Srpska, gebeten, von der Erfahrung als Geschichtsmuseum eines Grenzgebietes zu berichten und zusammen mit den Vertretern verschiedener Volksgruppen an der Ausarbeitung der gemeinsamen Geschichte mitzuwirken, die im nahegelegenen Geschichtsmuseum des Kozara-Gebirges präsentiert werden sollte. Alessandro De Bertolini erzählt von seiner Erfahrung in dieser Arbeitsgruppe: „Alle Mitglieder waren sich darüber einig, dass zur nationalen Aussöhnung nach einem Krieg eine gemeinsame Aufarbeitung der Ereignisse unerlässlich sei“, erklärte De Bertolini. Jeder Historiker ist heute davon überzeugt, dass das Vergessen keine Option darstellt. Allerdings besteht die Schwierigkeit darin sich darauf zu einigen, welche und wie Geschichtsfakten darzulegen sind. Vor 2005 war das Museum des Kozara-Gebirges der Geschichte des Serbischen Nationalismus gewidmet, denn dieses Gebirge war zum einen das Symbol des Bürgerkriegs in Jugoslawien von 1991-1995 mit über 3.000 Opfern unter der Zivilbevölkerung und Deportierungen in das nahegelegene Konzentrationslager und zum anderen – vorher – das Symbol der blutigen von Tito geführten Partisanenkämpfe gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg. „Wir haben uns mit den Vertretern der verschiedenen Volksgruppen an einen Tisch gesetzt,“ fuhr De Bertolini fort, „und haben ein Einvernehmensprotokoll in Bezug auf die Voraussetzungen, die erwarteten Ergebnisse und die konkreten Verfahrensweisen ausgearbeitet. Es ist nämlich von größter Bedeutung, dass man sich darauf einigt, wie Geschichtsereignisse erzählt und welche Quellen dafür herangezogen werden sollen: beispielsweise ob ausschließlich offizielle historische Dokumente oder ob auch Augenzeugenberichte einfließen sollen. Die Wahl fiel auf diese zweite Möglichkeit. Die Mitarbeiter der Stiftung Museo Storico Trentino haben sich daraufhin bereit erklärt eine Gruppe von Freiwilligen zu schulen, die die persönlichen Erinnerungen der Ortsansässigen einholen sollten.“

Die Schwierigkeiten heute

Was ist dabei herausgekommen? Möglicherweise wenig, gleichzeitig aber auch sehr viel. Mit Sicherheit wurde die Arbeit dadurch erschwert, dass die Erinnerungen noch zu frisch waren. Es war beinahe unmöglich Augenzeugenberichte einzuholen, die eine Brücke zwischen den verschiedenen nationalistischen Gesichtspunkten hätten schlagen können. Wahrscheinlich war die Geschichtsaufarbeitung noch verfrüht, die Bevölkerung war dafür noch nicht bereit. Allerdings, wenn man sich nach über einem Jahrzehnt die aktuelle Lage ansieht, hat sich die Situation nicht sehr verändert, im Gegenteil. Der Bundesstaat Bosnien-Herzegowina mit der Hauptstadt Sarajewo entstand aufgrund des Friedensabkommens von Dayton im Jahr 1995 und wurde im Wesentlichen vom Ausland erzwungen. Der Staat umfasst drei Entitäten: Bosnier, orthodoxe Serben und katholische Kroaten. Laut Verfassung müssen in jedem politischen Gremium gleichzeitig alle Volksgruppen vertreten sein. Dies hatte zur Folge, dass sämtliche Organe der repräsentativen Demokratie verdreifacht wurden. Angesichts dieser ausgeprägten ethnischen Dreiteilung und der Tatsache, dass die Vergangenheit von der jeweiligen Seite für die eigenen Zwecke instrumentalisiert wird, wird klar, warum noch heute die Voraussetzungen für eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte nicht vorhanden sind.

Wir empfehlen jedem, der das Thema vertiefen möchte: „La falsificazione del Kozara“ von Srdan Puhalo und „Esad Midžić, eroe partigiano. Un caso di memoria rimossa.“