„Die deutsche Grenze treu gewahrt, das ist Deutschtiroler Art!“ Der Tiroler Volksbund als Beförderer einer nationalistischen Entfremdung
Die HISTOREGIO-Quelle-des-Monats stellt eine vom Tiroler Volksbund im Jahr 1915 veröffentlichte Druckgrafik dar, die symbolisch den völkisch-kulturellen Abwehrkampf des Tiroler Volksbundes gegen den italienischen Irredentismus im Trentino darstellen soll. Auf Basis einer Karte, die alle dort abgebildeten Orte nur mit deren deutschen Namen auflistet, wird der deutschtiroler Anspruch auf den damaligen südlichen Teil Tirols (Welschtirol/Trentino) deutlich: In einer klaren militärischen Machtsymbolik wird der Irredentismus mittels eines kräftigen Trittes in das Gesäß außer Landes „gewiesen“.
Antiitalienische Haltung
Personell und ideologisch eng verbunden mit dem 1880 in Wien gegründete Deutschen Schulverein, hatte der Volksbund eine klare antiitalienische Ausrichtung. Nach der Ansicht des Gründers, Wilhelm Rohmeders (1843–1930), hatten nur zwei „Volkstümer“, das deutsche und das ladinische, historische Legitimität in Tirol bzw. in Welsch- oder Südtirol. Dementsprechend unterstützte der Volksbund ähnlich wie der Deutsche Schulverein deutschsprachige Schulgründungen im „Grenzland“ Trentino (etwa in Folgaria/Vielgereut(h)), das es zurückzuerobern galt. Die Sprachpflege wurde innerhalb des Volksbundes dabei als besonders wichtig betrachtet. Allerdings wurde nur die deutsche Sprache als schützenswert empfunden, die italienische Umgangssprache hingegen sei der ursprünglich deutschen Bevölkerung erst durch einen äußeren Zwang aufoktroyiert worden.
„Die deutsche Grenze treu gewahrt, das ist Deutschtiroler Art!“
Auf der hier gezeigten Karte wird die abwehrende Haltung des Tiroler Volksbundes und die Ausweisung des italienischen Irredentismus mittels einer eindeutigen Abfuhr in Form eines Fußtrittes zentral gezeigt. Mit den deutschen Ortsnamen wird das Trentino als eindeutig deutsch markierter „Boden“ deklariert. Die jeweiligen Gegenspieler – der Tiroler Volksbund und der italienische Irredentismus – werden in Form einer Personifikation bzw. in Form eines Körperteiles dargestellt. Gesichter besitzen beide Akteure nicht: Der stramme „deutschtiroler Fuß“, geziert mit einem Trachtenstutzen, auf dem gleichzeitig der Volksbund als Akteur deutlich gemacht, tritt den in zerflederten Lumpen und mit löchrigen Schuhen gekleideten irredentistischen Akteur – es handelt sich also auch um einen eindeutigen sozialen Seitenhieb, ein soziales Stereotyp vom armen Italiener, der als Arbeiter/Tagelöhner in Tirol im kollektiven Bewusstsein durchaus verankert war. Der Irredentist auf dem Bild ist, da er sich gerade im Flug aus dem Trentino befindet, bereits nur mehr halb zu sehen und deshalb wie der Vertreter des Volksbundes ebenfalls ohne Gesicht abgebildet. Begleitet wird diese Szenerie einer kraftvoll wirkenden Ausweisung von einer schriftlichen Botschaft: „Die deutsche Grenze treu gewahrt, das ist Deutschtiroler Art!“
Die hier gezeigte Quelle-des-Monats stammt aus dem Jahr 1915, also aus jenem Jahr, in dem Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eingetreten war. Die Karte ist allerdings in ihrer Ausgestaltung noch in einer Formensprache ausgeführt, die auch für die Zeit vor Kriegsausbruch üblich war. Schon bald war es nicht mehr der Irredentismus, der als ein besonderes Feindbild in der öffentlichen Propaganda nationalistischer Vereine Österreich-Ungarns öffentlich geduldet wurde. Nach 1915 richtete sich die Kriegspropaganda an vielen Stellen gegen die „hinterhältigen Italiener“ im Allgemeinen, der Kriegseintritt führte zum Aufbrechen bereits älterer Stereotypisierungen, die schon längere Zeit im Untergrund brodelten.
Weiterführende Literatur:
Hermann J. W.Kuprian, Das Trentino und der Volksbund, in: Klischees im Tiroler Geschichtsbewusstsein. Symposium anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Tiroler Geschichtsvereines, 8. bis 10. Oktober 1992, Tiroler Landeskundliches Museum im Zeughaus Kaiser Maximilians I. in Innsbruck, Innsbruck 1996, S. 93-106.
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Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
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