„Alles verbindet vielfältig Wälschtirol mit Italien“
Nach den drei italienischen Unabhängigkeitskriegen und der Eingliederung der Lombardei und Venetiens in das neue Königreich Italien war eine neue nationalstaatliche Grenze an den Süden von Tirol herangerückt. Am 19. Dezember 1866 tagte der Tiroler Landtag.
Die zu Beginn eingebrachte „Adresse“ an Kaiser Franz Joseph I. sprach bereits die große Befürchtung vor weiteren „Gefahren“ aus dem Süden an, welche einer „boshaften Ruhestörung“ gleichkämen. Die Notwendigkeit, Kasernen im Süden des Landes zu bauen, wurde damit begründet, um auf die neue Situation reagieren zu können und die dortige Bevölkerung zu entlasten. Einer der Berichterstatter bei der Landtagssitzung vom 19. Dezember, der dem Ultra-montanismus nahestehende Ignaz von Giovanelli (1815-1889), betonte ebenfalls die Notwendigkeit, eine neue Verteidigungsordnung für "Welschtirol" einzuführen. Er war auch einer derjenigen Abgeordneten, die sich für eine zweite Verwaltungsbehörde in Trient aussprach und damit für eine graduelle Autonomie des Trentino plädierte. Giovanelli berief sich in seinem Vortrag vom 19. Dezember unter anderem auf den am Tag zuvor eingebrachten Entwurf eines Ausschusses, der sich mit den geänderten geopolitischen Verhältnissen im Süden des Landes befasste.
Die bisher durchgeführten militärischen Unterkünfte würden die „Gränzgemeinden Tirols“ unnötig belasten. Allgemein wird mit der neuen Situation für "Welschtirol" ein zusätzliches Problem offenkundig: Der wirtschaftliche Anschluss und die Verbesserung der allgemeinen Wirtschaftslage wird als vordergründiges Ziel formuliert, da Giovanelli befürchtete, die vielen vor allem wirtschaftlichen Verbindungs-linien nach Italien könnten nun abbrechen oder missbräuchlich verwendet werden. Insbesondere die Befürchtung, dass die vielfältigen Verbindungen gegen die österreichische Regierung in einem „revolutionären“ Sinne verwendet werden könnten, veranlasste den Abgeordneten, im Bau der Eisenbahn eine große Chance zu sehen und damit den südlichen Landesteil gleichzeitig in der Monarchie und in Europa zu verorten: „Durch diese Bahn soll ganz Tirol und namentlich ganz Wälschtirol in das große Netz des europäischen Handelsverkehrs gegen Westen aufgenommen werden, und es ist überflüssig, die Vortheile, welche daraus für das italienische Tirol sich ergeben, hervorzuheben.“ Mit dem Bau der Linie Brixen – Villach würden auch „die Speicher Ungarns für Südtirol geöffnet“ werden und „der Absatz seiner Produkte nach Osten ermöglicht werden.“ In diesem Landtagsprotokoll von Dezember 1866 und dem Vortrag eines einzelnen Abgeordneten finden sich bereits unzählige Aspekte und Positionen wieder, die für die Frage nach dem nationalen Zusammenleben in Tirol sehr aufschlussreich sind. Die Anerkennung der vielen Verbindungen mit Italien steht dabei neben der dadurch gleichzeitig erhöht wahrgenommenen Angst vor einer „Revolution“.
Die Lösungsvorschläge, die Giovanelli anbringt, befinden sich vor allem im wirtschaftlichen und militärischen Bereich. Diese sollten „den revolutionären Wühlereien […] jeden Boden entziehen“. Denn die neue Grenze sollte in Welschtirol nicht aus wirtschaftlichen Problemen Anlass für nationale Frontstellungen im Inneren bieten.
Weiterführende Literatur:
Giovanelli zu Gerstburg und Hörtenberg Ignaz Frh. von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Bd. 1, S. 445 f.
Leopold Kammerhofer (Hrsg), Studien zum Deutschliberalismus in Zisleithanien 1873-1879. Herrschaftsfundierung und Organisationsformen des politischen Liberalismus, Wien 1992.
Richard Schober, Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert, Innsbruck 1984.
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Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
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