Regionales Nation-Building

Rivista d'Italia 1915/2

„Der italienische Charakter des Trentino und die Abneigung gegenüber Österreich." Ein Artikel von Alberto Manzi

Die Quelle-des-Monats Juni stellt einen 83 Seiten umfassenden Aufsatz von Alberto Manzi dar, der 1915, noch vor der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn, in der Rivista d’Italia (Nr. 2) erschien. Der Artikel „L’italianità nel Trentino e l’avversione austriaca“ (Der italienische Charakter des Trentino und die Abneigung gegenüber Österreich) wurde in der von der Società Editrice Dante Alighieri in Rom zwischen 1898 und 1928 herausgegebenen Zeitschrift veröffentlicht. Er behandelt die aus Sicht des Autors eindeutige kulturelle Verfasstheit des Trentino (Italianität) und die von Manzi konstatierte Abneigung der damaligen Trentiner Bevölkerung gegen Österreich.

Die Quelle ist deshalb von besonderem Interesse, weil sie verschiedene Argumentationsweisen beinhaltet, die verstärkt seit Mitte des 19. Jahrhunderts gleichermaßen auf deutschnationaler und nationalitalienischer Seite vorgebracht wurden: Von einem kulturellen Abwehrkampf, der gegen nationale Invasoren geführt werden müsse, bis hin zur Unterscheidung von wahren und falschen Vertretern der einen oder anderen nationalen Gruppierung reichen die Argumente, die Manzi hier zeittypisch für einen nationalistisch gesinnten Autor erörtert.

Manzi unterteilt seine Ausführungen in drei Unterkapitel, wobei er im ersten Unterkapitel (La difesa della italianità), beginnend bei der Vereinigung Pro Patria (1886–1890) und einem nationalen Weckruf ihres Gründer Augusto Sartorelli, auf die verschiedenen italienischen Schul- und Schutzvereine eingeht, die im Trentino gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv waren. So werden auch die Lega Nazionale oder die Società Alpinisti Tridentini als Akteure eines kulturellen Abwehrkampfes aufgelistet. Umstrittene Schulgründungen in besonders bedroht empfundenen gemischtsprachigen Regionen des Landes bis hin zu kartografischen Darstellungen der Region in Wanderführern, welche die Reaktion des Gegenübers provozierten, werden von ihm einem täglichen kulturellen Überlebenskampf gleichgesetzt.

Liest man die Ausführungen von Manzi im Vergleich zu Äußerungen und Verlautbarungen des Deutschen Schulvereins oder zu den des Tiroler Volksbundes, so wird deutlich, dass beide Seiten, d.h. Schutzvereine auf deutschnationaler und nationalitalienischer Seite, erstaunlich ähnliche Erzählmuster verwendeten. Diese erzählten von bedrohten kulturellen Identitäten, drohendem Sprachverlust und politischer Ohnmacht, die schließlich ein energisches Handeln der wachgerüttelten Bevölkerung erforderte. Ähnlich wie die deutschnationalen Vereine gaben die von Manzi aufgelisteten italienischen Schutzvereine im Trentino vor defensiv zu sein, wobei sie stets das diffuse Feindbild eines Pangermanismus zitierten. Dieser habe es sich zum Ziel gesetzt, alles Italienische im Trentino auszulöschen. Auf deutschnationaler Seite war es das Handeln des aggressiven Panitalianismus oder Irredentismus, der vorrangig als Antrieb für das eigene Aktivwerden genannt wurde.

Als besondere Zäsur führt Manzi gleich zu Beginn den deutsch-französischen Krieg von 1870–1871 an, der bekanntlich die Staatsgründung Deutschlands zur Folge hatte. Kurz nach diesem Ereignis seien erst die pangermanistischen Kräfte so stark geworden, um die verstreuten „lateinischen Dörfer“ [sic!] zwischen Brenner und der Sprachgrenze zu vereinnahmen, die überdies nach Überschwemmungen der Etsch und den Regulierungsarbeiten schwer beeinträchtigt worden, ja in einen Garten umgewandelt wurden.

Wie sehr der Autor der Vorstellung anhängt, es gebe entweder nur ein Entweder-Oder und kein Dazwischen, also nur die Kategorien „Deutsche“ oder „Italiener“, verdeutlicht sich im zweiten Abschnitt. Hier unterscheidet er zwischen wahren und falschen Deutschen, deren kulturelle Grenzlinie er in Fortführung der „geografischen“ Argumentationen von Ettore Tolomei mit dem Brenner markiert und damit auch die Siedlungsgebiete nördlich und südlich der Wasserscheide „humangeografisch“ eingrenzt: „Nel Tirolo ci sono dei tedeschi veri e dei tedeschi falsi. Sono veri quelle al di là del Brennero, sono falsi quelli delle Valli dell’Adige, della Rienza e dell’Isarco.“

Hinsichtlich der ladinischen Sprachgruppe – ein statistischer Zankapfel hinsichtlich der nationalen Zuordnung dieses Bevölkerungsteils seit der Einführung der Kategorie „Umgangssprache“ im Jahr 1880 in der Habsburgermonarchie – entgegnet Manzi den pangermanischen Vereinnahmungen dieser Gruppe; diese seien keine Deutschen, vielmehr sei das „rätoromanische oder ladinische Element“ erst per österreichischer Regierungsgewalt verbogen worden.

Manzi dekonstruiert in weiterer Folge den Begriff Tirol und will diesen auf das Schloss Tirol reduziert sehen. Denn der Umfang der Grafschaft sei eigentlich nicht definiert und letztlich kriegerischen Ereignissen und Einflüssen von Migrationsbewegungen geschuldet.

Die Aversion zwischen Trentinern und Tirolern (er spricht in weiterer Folge nicht mehr von Deutschen, sondern nur noch von Tirolern), sei offensichtlich und historisch begründet: Mit der Eingliederung des vormaligen Reichsbistums Trient innerhalb des Kronlandes Tirol im Jahr 1803 und dem Verlust des eigenständigen territorialen Namens (des italienischsprachigen Gebietes) sei bewusst eine nationale Hegemonie ausgedrückt worden. Dieser Vorgang der Eingliederung der vormaligen geistlichen Reichsbistümer in Folge der napoleonischen Kriege – das Heilige Römische Reich deutscher Nation befand sich 1803 bereits in Auflösung – wird von Manzi als Beginn der nationalen Unterdrückung im Trentino deklariert. Der Autor bedient sich in seinem Aufsatz kurz vor Kriegseintritt der Italiener auf Seite der Entente aus einem Sammelsurium aus geografischen, statistischen und historischen Argumenten, um „seine“ Darstellung der Nationalgeschichte des Trentino darzulegen.  

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Alexander Piff
Historegio-Projekt: "Nation-building im regionalen Kontext. Deutschtirol - Welschtirol - Südtirol - Trentino (1848-1914)"
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

  

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