Regionales Nation-Building

SLA, Gemeindearchiv Salurn

„Mit treudeutschem Gruße.“ Der Deutsche Schulverein und die Mechanismen einer nationalistischen Grenzlandagenda

Die Quellen des Monats September befassen sich mit dem kleinräumigen Wirken des 1880 in Wien gegründeten Deutschen Schulvereins. Dieser hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, die Grenzregionen der Habsburgermonarchie mit einschlägigen und breit-angelegten Bildungs- und Ideologieoffensiven zu fördern, in denen deutsche Sprachgemeinden in der Minderheit waren und so vor nichtdeutschen, d.h. „fremden“ Einflüssen zu beschützen. Das sogenannte „Grenz-“ oder „Auslandsdeutschtum“ sollte damit in Böhmen, in Mähren, in Galizien, in der Bukowina, im Österreichischen Küstenland, aber auch in den Verwaltungsbezirken des südlichen Tirols des 19. Jahrhunderts, vor den Bedrohungen einer angeblichen kulturellen Überfremdung verteidigt werden.

Die Sprachgrenze

Ein beliebtes Element im Diskurs, anhand dessen man die Bedrohung der deutschen Sprache durch andere Sprachgruppen innerhalb der Habsburgermonarchie darstellen konnte, war der Verweis auf die Sprachgrenze, die von den Schutzvereinen wie dem Deutschen Schulverein bewusst als „dramatischer Schauplatz“ (Pieter Judson) ausgewählt wurde. Das Bewusstsein für diese linear-gedachten Sprachgrenzen entstand durch die Entwicklung der statistischen und kartografischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert umrissen Johann Wolfgang von Goethe oder von Heinrich Heine literarisch, allerdings noch sehr flexibel und vage, die Grenze zwischen „Deutschland“ und „Italien“, die sie am Klima, der Landschaft oder den gehörten Sprachen festmachten.

Der Zensus, also die seit 1869 staatlich durchgeführten Volkszählungen innerhalb der Monarchie, trug mit der Erhebung der Umgangssprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusätzlich dazu bei, dass sich gewisse Gebiete als definierte deutsche, tschechische, ungarische oder eben auch italienische Sprachräume stärker im kollektiven Bewusstsein verankerten. Veränderungen der Sprachzusammensetzung zuungunsten der deutschen Sprachgruppe, hervorgerufen durch Migration, wurden als Angriff und Überfremdung gedeutet. Historische Referenzpunkte galten als Argumente für den Prozess eines zunehmenden Sprach- und Identitätsverlustes. In manchen Fällen nannten die Autoren konkrete Zeitpunkte oder Gewährsleute, in anderen Fällen undefinierte Zeiten aus der Vergangenheit, an denen dieser oder jener Ort noch mehrheitlich deutschsprachig gewesen sei.

Finanzielle Zwänge oder ideologische Überzeugung?

Salurn bzw. die Salurner Klause galten traditionell im Diskurs des 19. Jahrhunderts als Grenzpunkte an der deutsch-italienischen Sprachgrenze. Bereits 1887 hatte der Deutsche Schulverein die hiesige Schule und die Kinderbetreuungseinrichtungen mit 1.000 Gulden gefördert, mit dem Beisatz, dass „die gefertigte Gemeinde nur in dem Falle zurückzuzahlen verpflichtet ist, wenn an der Volksschule oder an der Kinderbewahranstalt respective in dem Kindergarten in Salurn die deutsche Sprache nicht mehr ausschließlich die Unterrichtssprache bilden würde.“ Gekoppelt an diese Bedingung, war es der finanziell eher bescheiden ausgestatteten Gemeinde (das ergibt sich aus den Gemeinderatsprotokollen der Zeit) finanziell schwer möglich, dieses Angebot abzulehnen. Das Darlehen vom Deutschen Schulverein wurde auch vom Tiroler Landesausschuss in Innsbruck genehmigt, also auch von politisch-höherer Ebene abgesegnet.

Die Quellen des Monats stellen schließlich Dokumente dar, die der Deutsche Schulverein der Gemeinde Salurn im Jahr 1900 übersandte. Auch dieses Mal versprach der Verein der Gemeinde ein Darlehen in der Höhe von 4.000 Kronen, mit denselben Bedingungen wie schon 1887, für den Bau einer Anstalt für Kleinkinder, in der „ausschließlich die deutsche Sprache gebraucht wird“. Dieses Mal wurden die finanziellen Mittel dringend gebraucht, um einen Kindergarten im Ortsteil Buchholz zu errichten. Im Gemeindeausschuss vom 8. Juni 1900 wurde dabei auch die klare Intention kundgetan, dass es auch im Interesse der Gemeinde liege, „daß der zu errichtende Kindergarten in Buchholz deutsch bleibe.“ Neben dem unter den genannten Bedingungen verliehenen Darlehen von 4.000 Kronen des Deutschen Schulvereins, wurde der Bau durch staatliche Zuschüsse in der Höhe von 3.000 Kronen sowie durch eine Privatspende von Cäsar von Gelmini in der Höhe von 1.000 Kronen finanziert. Als Gemeindeausschussmitglied, Weinhändler und Mitglied der Adelsfamilie Gelmini von Kreutzhof, konnte Gelmini streng betrachtet auf mehr als eine „deutsche“ Familiengeschichte verweisen, förderte hier aber eine bewusst rein deutschsprachig ausgelegte Einrichtung.

Auf der dörflichen Ebene von Salurn zeigt sich an diesem kleinen Beispiel einerseits sehr eindrücklich, wie Akteure von außen (Deutscher Schulverein) die finanziellen Zwänge in den Grenzregionen der Habsburgermonarchie erkannten und für ihre Agenden ausnutzten und sich Akteure vor Ort mit der Vorstellung einer abgeschlossenen deutschen Sprachnation identifizieren konnten. Die eigenen ideologischen Interessen der Gemeinde Salurn, die hier der Gemeindeausschuss beim Kindergarten von Buchholz anklingen ließ, können auf der anderen Seite auch bereits ein Zeichen dafür sein, dass die Polarisierung zwischen den Sprachgruppen im ländlichen Raum, insbesondere im „Grenzland“, um 1900 längst abgeschlossen war. Quellenkritisch betrachtet darf man hierbei allerdings den wahrscheinlich beträchtlichen Bevölkerungsteil nicht übersehen, der als „indifferent“ einzuschätzen war. Personen, die sich selbst nicht national zuordneten und in ihrem Alltag wohl auch wenig Anlass dazu hatten, haben der heutigen Zeit eine viel schwieriger zu deutende Überlieferung hinterlassen. Und selbst jene, die nationale Motive bei ihren Handlungen vorgaben, wie die Gemeindevertreter von Salurn, können nicht ohne den jeweiligen Kontext verstanden werden. Hätte sich der Gemeindeausschuss auch so eindeutig/einseitig hinsichtlich der sprachlichen Ausrichtung der Einrichtung geäußert, wenn kein finanzieller Zwang dafür vorhanden gewesen wäre?

Literatur:
Peter Haslinger (Hrsg.), Schutzvereine in Ostmitteleuropa. Vereinswesen, Sprachenkonflikte und Dynamiken nationaler Mobilisierung 1860-1939 (Tagungen zur Ostmitteuropa-Forschung 25), Marburg 2009.
Alexander Piff
Historegio-Projekt: "Nation-building im regionalen Kontext. Deutschtirol - Welschtirol - Südtirol - Trentino (1848-1914)"
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Kontakt: csag5636@uibk.ac.at

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